Memento mori

Memento mori

November bedeutet: Totenhemd-Challenge-Zeit! Es ist wieder soweit: Petra Schuseil und Annegret Zander rufen mit ihrer jährlichen Blog-Challenge auf:

Memento mori – werdet kreativ!

Also eigentlich hatte ich was Kreatives vor – aber da der Zustelldienst meine Lieferung sonstwem geliefert hat (jedenfalls nicht mir), musste ich umdisponieren…

Ich möchte euch gerne an meinen Erinnerungen teilhaben lassen: heute vor 4 Jahren ist mein Liebster gestorben… Ein Brief in den Himmel ♥

…aaaber, ich schreibe nicht an Andreas – wie ich es erst vorhatte – ich schreibe an jemand anderen:


 

Lieber Tod,

ich schreibe dir – dabei hätte ich viel lieber meinen Andreas gerade heute, gerade JETZT neben mir… Vorhin hatte ich kurz das Gefühl, er sei da… Kann das sein? Oder hast du mir mit einem Hauch zeigen wollen, dass ich noch hier und am Leben bin?!

Ja, ich lebe… nur heute schmerzt dieses Leben unfassbar! Ich tauche durch Erinnerungen, die weh tun, denn ich vermisse ihn gerade sooo sehr. Warum hast du ihn mitgenommen?!

Er fehlt mir sooo…

Ich erinnere mich an diesen letzten Abend, bevor Andreas starb… Er war ganz unruhig, wollte unbedingt aufstehen, obwohl das zu dem Zeitpunkt nur noch mit meiner Hilfe und ganz viel Mut und Kraft zu machen war. Sein Körper war schon so weit eingeschränkt… Aber da ihm das so wichtig war (ich weiß gar nicht mehr, wie er mir das zu verstehen gab – sprechen war schließlich auch nicht mehr möglich?!), habe ich ihm diesen Wunsch erfüllt… Er wollte partout auf der Couch sitzen. Für Sohn und mich war „Voice of Germany“-Zeit – da wollte er gerne dabei sein und fernsehschauen. Ich weiß noch, wie anstrengend das für ihn war… Aber wir saßen tatsächlich ungefähr 5 Minuten alle drei einträchtig gemütlich auf der Couch… Aneinander gekuschelt fühlte sich das tatsächlich so herrlich vertraut und „normal“ an… Seufz…

Nach diesem innigen Moment war es, als hättest du bereits im Raum gestanden, um nach uns zu schauen… Vermutlich hast du dich doch erweichen lassen, als du uns so gemeinsam gesehen hast, oder? Ich hatte plötzlich das Gefühl, es gäbe einen kleinen Aufschub für uns. Und doch war da dieser kalte Schauer gefühlter Endlichkeit.

Danke! Danke für diesen schönen letzten gemeinsamen Moment… Danke für diese letzte Nacht, die noch so liebevoll und innig und ohne Ängste verlaufen durfte… Danke, dass du mir nicht übel genommen hast, dass ich dich nicht wahrhaben wollte… konnte…

Ach, was habe ich mit dir gerungen, wollte dich weder sehen noch akzeptieren… Du hast das ignoriert – hattest deine Vorgaben, Pläne oder irgendwelche Gründe… Du hast mir schließlich meinen Herzensmenschen einfach so gestohlen. Dabei hatten wir doch Pläne und Träume… Ich war so unerhört wütend auf dich!

Weißt du, ich hätte so sehr eine Erklärung gebraucht von dir: warum muss ein so junger Mensch sterben? Wo ist da der Sinn? Was hast du dir dabei gedacht???????

Ich habe bis heute keine Antwort auf diese Fragen… Mittlerweile habe ich das akzeptiert: es gibt einfach keine Antwort. Nicht jetzt. Aber glaube mir: ich hebe mir diese Frage auf! Eines Tages, da begegnen wir uns ja auch direkt und persönlich. Dann mach‘ dich darauf gefasst, dass ich dir einiges um die Ohren hauen werde!
…vielleicht aber werde ich auch dann bereits verstanden haben… Wer weiß.

Was ich nun zu verstehen glaube ist ein großes Geschenk, dass du mir ganz nebenbei dagelassen hast (war das Absicht?):

Ich soll end-lich leben!

Mit Haut und Haaren, mit Liebe aus vollem Herzen, Glück aus tiefster Seele, unaushaltbar scheinendem Schmerz, schallendem Lachen, tränengerührten Gesprächen, erquickender Musik,… Die ganz große Achterbahn mit drölfzig Loopings! Her mit dem Leben!

…und das tue ich! Neulich gerade habe ich mich darüber beschwert, dass diese Achterbahnfahrt so immens anstrengend ist – aber, weißt du was? Sie ist soooooo großartig, denn sie lässt mich das Leben mit voller Wucht und in so großer Bandbreite spüren, dass es diesen Kraftakt sowas von wert ist!

Tschakkaaaaa!

Pläne, die mache ich nur noch kurzfristig in absehbarer Zeit – und zwar so, dass ich es ganz unproblematisch finde, wenn sie nicht umgesetzt werden können. Träume… ja, die gibt es. Aber ich träume nicht lange vor mich hin: meistens braucht es nur einen Ruck, um sie Wirklichkeit werden zu lassen… Und wenn nicht, sind sie auch einfach nicht so wichtig.
Ich fühle mich noch weit davon entfernt, dass ich so lebe, als könnte ich jeden Moment sterben und das wäre okay. NEIN! ICH WILL NOCH NICHT! Ich möchte bitte noch hier bleiben!

Aber ich sehe dich jetzt, lieber Tod! Ich verstecke mich nicht, sondern ich nutze die Zeit, die ich habe.

…und wenn du dann eines Tages zu mir kommst, werde ich bereit sein. Ich glaube, wir werden uns wie Freunde umarmen und ich werde mich freuen, mit dir gehen zu dürfen. Das wird nämlich eine große Ehre sein und die Ängste, die wir Menschen uns hier zusammenreimen, sind einfach komplett irrsinnig…

Bis dahin sei aber so gut und gib mir Zeit, ja? Ich möchte mein end-liches Leben genießen!!!

Deine Anja

PS: …untersteh‘ dich und hole meinen Sohn vor mir ab! Dann bist du fällig!

PPS: …denk‘ dran, ich erwarte eine Antwort auf meine Fragen!


 

Ein herrlicher Erinnerungsnachmittag im Ruheforst… Es sind viele Tränen geflossen, denn ich kann es kaum fassen, dass es 4 Jahre her ist, dass du sterben musstest… Ich fühlte mich dir ganz nah… Und gleichzeitig warst du so weit weg…

Da war dieser Raubvogel, der eigentlich auf Beutezug war und dann auf einmal zu uns flog… Magisches Licht im Wald… Wind von Ost, der das Meer aufwühlt… Laubrascheln…

Wir haben dir einen „waldgerechten“ Altar aufgebaut. Rosenblätter, eine Muschel vom Strand, ein Brief, ein Herz aus Vogelfutter… eine Kerze, damit du uns leuchten sehen kannst… Das Windlicht haben wir wieder mit heim genommen, denn das darf ja im Wald nicht stehen bleiben…

…wish you were here!

Ein Ort zum Trauern…

Ein Ort zum Trauern…

Bisher war ich steif und fest der Ansicht, ich brauche keinen Ort zum Trauern. Gedenken kann ich schließlich wann und wo ich das möchte. Das kann ich auch gar nicht so recht kontrollieren, wann und wo mir danach ist…?

Ich brauche und möchte kein Grab auf dem Friedhof. Stein an Stein und eingezäunte Gräber. Schweigen und höfliches Hüsteln, wenn man mal jemanden trifft. Mein inneres Bild vom Friedhof ist sicher nicht richtig, aber diese Vorstellung schreckt mich ab. Andere finden sich in dieser Ordnung wieder, fühlen sich wohl – so hat eben jeder seins.

Momentan jedoch spüre ich Wandlung. Read more

Fenster…

Fenster…

Sehr seltsam… Seit einiger Zeit schlafe ich wieder bei geöffnetem Fenster… Ja, ich weiß – bei dieser Hitze momentan ist das wohl unausweichlich – aber auch vorher schon ist es mir aufgefallen.

Warum das seltsam ist? Seit Andreas‘ Tod habe ich die Fenster nachts geschlossen gehalten. Das Leben draußen war mir zu laut, zu unruhig, zu aufmerksamkeitsheischend, zu… Zu halt… Ich konnte es nicht aushalten – war der Schlaf doch so schwer zu finden, den wollte ich nicht auch noch von außen gestört wissen. Zu kostbar jede Minute, die der schwer mit dem Leben kämpfende Körper endlich einmal die wild in tiefe Tiefen kreisenden Gedanken besiegt und zur Ruhe gekommen ist.

Nun scheint dieser Kampf irgendwie ausgekämpft und ich wieder offener für eine Öffnung nach Außen zu sein…?

Mir schießt dazu immer wieder dieser Spruch bzw. dieser Brauch durch den Kopf, der zum Tragen kommt, wenn jemand stirbt:

Öffne das Fenster, damit die Seele davonfliegen kann…

Als Andreas starb, habe ich das ganz automatisch getan – ohne auch nur im Mindesten darüber nachzudenken… Einzig die Bestätigung der Begleiterin vom Palliativdienst im Sinne von „ja, das ist gut, dass du das Fenster öffnest, dann kann seine Seele davonfliegen“ hat meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt.

Braucht die Seele ein Fenster?

Aber: braucht die Seele tatsächlich ein Fenster, um davonzufliegen? Geht das nicht „einfach so“? Warum muss das Fenster offen sein?
Vielleicht ist es ja auch eine Art Beschäftigungstherapie für die Begleitenden. Wenn man die ganze Zeit im „Helfen“-Modus gefahren ist und der Mensch, den man begleitet, stirbt, dann gibt es von jetzt auf gleich nichts mehr zu tun. Dann kann man wenigstens das Fenster öffnen und einmal tief durchatmen ;0)

Denn die Seele oder was immer bleiben mag, wenn jemand stirbt – und ich bin fest davon überzeugt, dass etwas bleibt – ich denke, dass es noch eine Weile ganz dicht um uns bleibt. Nicht im Körper, der bis zum Tod belebt wurde, aber doch irgendwie präsent.

Noch wichtiger als das Fensteröffnen war für mich persönlich das bewusste Abschiednehmen… Das Begreifen, dass er nun wirklich tot ist.
Dazu fand ich die Begleiterin des Palliativdienstes einfach bereichernd: sie war da, hat mich ganz fest in den Arm genommen (zwischen der mir bis dahin gänzlich unbekannten Frau und mir war angesichts des Todes eine spontane Nähe – sehr schön!) und mich auch ermutigt, mich mit dem toten Körper zu befassen – ich danke dir von Herzen, du Liebe, dass du so sehr und so besonders für mich da warst ♥

Diese letzten Kontakte, sie waren und sind so unsagbar wertvoll für mich. Ihn zu berühren, im wahrsten Sinne „begreifen“ zu können, dass er nun tot ist – ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne diesen Kontakt hätte verstehen oder gar akzeptieren können…

Diesen Menschen, den man lebendig so oft berührt, umarmt, gestreichelt hat – den man von oben bis unten und von hinten und von vorne in und auswendig zu glauben kennt… Mit dem Tod wird er auf einmal unheimlich (mir jedenfalls). Haben wir das in unserer Gesellschaft so gelernt? Ich habe jedenfalls zuvor nie einen Menschen beim Sterben begleitet und Andreas war auch der erste Tote, den ich erlebt habe.

Bis dahin habe ich mich immer an dem in unserer Gesellschaft so verbreiteten Ausspruch festgehalten „behalte ihn/sie so in Erinnerung, wie du ihn/sie gekannt hast“.
Ja, klar, es ist leichter, den Menschen so im Kopf zu behalten, wie er erfüllt von blühendem Leben durch die Welt marschiert ist – aber ist das tatsächlich leichter?!? Wie bitte schafft der Verstand es dann, nachzuvollziehen, weshalb dieser Mensch auf einmal in einer Holzkiste oder einem vasenähnlichen Gefäß verschwunden ist? Da fehlt doch etwas?

Berührungsschreck…?

Nun war da diese Frau, die mich fragte, ob ich Andreas mit ihr gemeinsam waschen würde?

What?!? Ich soll einen Toten anfassen?!? Neeeeeein!!!

Doch! Hab ich! Und es tat so gut! Es hatte überhaupt gar nichts Unheimliches, sondern war ein Teil des Begreifens, dass er nun nicht mehr lebt – dass das, was wir da waschen, nur seine Hülle ist.
Mir dann zu überlegen, was er wohl am liebsten getragen hätte im Sarg – tieftraurig und doch so begreifend. Schließlich wusste ich genau, was er am liebsten trug. Das sollte er nun auch anziehen. Ganz praktisch etwas zu tun – die Kleidungsstücke zusammensuchen – hat mich in der Realität gehalten, hat mir dabei geholfen, nicht umzufallen.

Ich bin auch sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit genutzt habe, ihn noch ein wenig zu Hause zu behalten… Der Hausarzt kam, hat die offiziellen Untersuchungen durchgeführt (da war ich nicht dabei – ich glaube, das ist auch etwas, das man sich ersparen sollte…?), den Totenschein ausgefüllt – die automatische Folgerung wäre eigentlich, den Toten vom Bestatter abholen zu lassen.
Ich bin von dem von mir gewählten Bestatter in keinster Weise begeistert – schön war aber der Hinweis, dass der Körper nicht sofort abgeholt werden muss, sondern er noch eine Weile bleiben kann, wenn wir das möchten. Sie seien 24h erreichbar und kämen jederzeit, wenn sie den Verstorbenen abholen sollen.*

Nach und nach die Veränderungen seiner Hülle zu beobachten war direkt ein bisschen spannend – mein Sohn war nach den ersten Berührungsängsten ganz fasziniert und hat bei jeder Gelegenheit Bericht erstattet.
Für uns war es so leichter, Andreas‘ Körper abholen zu lassen. Ja, es hat mich vor Schmerz zerrissen, als die Männer vom Bestattungsinstitut ihn abgeholt haben – aber trotz alledem war es okay, denn sie haben mir nichts nehmen können, das nicht schon fort gewesen wäre…

Puh… Auch nach all‘ der vergangenen Zeit ist es sehr intensiv für mich, hierüber zu schreiben…

Ich bin aber dankbar und in Frieden mit diesem Abschied.

Woher aber kam nun dieses „Phänomen“, dass ich seit diesem Abschied nicht mehr bei geöffnetem Fenster schlafen konnte? Wollte ich all seine Energie im Haus halten? Die Luft, die er geatmet hat, weiter atmen? Nein, das passt nicht, denn frische Luft tat mir total gut… Ich denke, es war eher diese Überempfindlichkeit gegenüber allen Einflüssen von außen. Diese gefühlte Schutzlosigkeit gegenüber dem Leben… und dem Tod…
Da war Ruhe extrem wichtig.

Nun darf das Fenster also wieder geöffnet bleiben, während ich schlafe…
Ist das ein weiterer Abschied? Nein – einfach nur schön… Es ist einfach so passiert… Wandel durfte stattfinden…

Ich stelle mich ans Fenster und atme tief ein… und aus… Hach, Leben!

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Foto: Pixabay

* Wusstest du, dass Verstorbene eine Weile zu Hause bleiben dürfen, bevor sie vom Bestattungsinstitut abgeholt werden? Bis zu 36h sind offiziell gestattet – es ist aber meines Wissens noch niemand verhaftet worden, der diese Frist überschritten hat und es gibt prominente Beispiele, die von einer längeren Aufbahrung berichten.

Frage beim Bestatter nach, wenn du unsicher bist – wenn du sicher bist, was du tun möchtest, dann frage nicht (wer viel fragt,… Und so ;0)

Es gibt zu dem Thema eine schöne Folge von „Talk about Tod“ vom Bestattungsinstitut Pütz-Roth. Hör doch mal rein…

Und: wusstest du, dass jemand, der im Krankenhaus verstorben ist, auch noch einmal nach Hause überführt und aufgebahrt werden darf?

Dieses Aufbahren ist sicher nicht jedermanns Ding – ich habe mich früher richtiggehend davor gegruselt und mich bei jeder Gelegenheit davor gedrückt. Heute empfinde ich es als seeeeehr wertvoll, auf diesem Wege Abschied zu nehmen. Und ich finde es wichtig, dass wir mehr und mehr solche Abschiede als natürlich akzeptieren (egal, ob wir es nun selbst tun würden oder nicht).

Wie immer: lass dich von Herz und Bauch leiten… ♥

Weg… einfach weg…

Weg… einfach weg…

Völlig gedankenverloren stehe ich abends im Bad, träume so vor mich hin, leicht müde vom Tag,…

Rechte Hand… Ring abstreifen… Ring hinlegen…

Linke Hand… Ring abstreifen… äh… Ring ab… ääääähhh…? Wie jetzt?!? Zack, hellwach und alarmiert ein ungläubiger Blick auf meine linke Hand: leer!

Er. ist. weg.

Ich bin einfach nur verdattert, irgendwie überfordert und ja, einigermaßen fassunglos. Mein Ring ist einfach nicht mehr da, wo ich ihn glaubte zu wissen.

Ich habe nichts bemerkt, ich habe bis zu dieser Sekunde nichts vermisst… Wie kann das sein??? Dieser Ring ist mir sooo wichtig und nun *schwupps* ist er nicht mehr da…?
Hab ich ihn schon abgelegt und es nicht gemerkt? …nein.

Ich hätte immer gedacht, ich verzweifle, sollte ich diesen Ring jemals verlieren – ich wäre tieftraurig und betrübt… Aber: bin ich nicht! In mir ist diese seltsame Ruhe… „Gut, dann soll es so sein.“ Vielleicht liegt er irgendwo… Vielleicht auch nicht…

Der Ordnung halber: ich habe die ganze Bude auf den Kopf gestellt, meinen Sohn verrückt gemacht, alle Taschen durchwühlt, wäre beinahe durch den Schnee gestapft, um alle Wege des Tages noch einmal abzulaufen… So viel zu dieser seltsamen Ruhe ;0)

…aber dennoch bleibt dieses Gefühl, dass es genau richtig so ist. Vielleicht war dieser Ring ein symbolischer Begleiter für die letzten 2 1/4 Jahre… Und nun ist es Zeit, neu zu denken…
Ich konnte mich so wunderbar an ihm „festhalten“. Es war ein silberner Drehring mit zwei darauf drehenden Ringen… Wenn ich Halt brauchte, konnte ich mich mit diesen beiden Drehringen beschäftigen – das war wie eine Erdung für mich. Ganz wunderbar…

Und nun?

Bin ich nun halt-los?

Nein, ganz und gar nicht. Ich fühle mich mittlerweile tief in mir gefestigt. Obwohl „fest“ irgendwie falsch ist. Habe ich doch für mich gelernt, dass man sich manchmal einfach umpusten lassen muss – mit der Bewegung, mit der Welle, mit dem Sturm (was auch immer) mitgehen, statt sich dagegen aufzulehnen. Das spart wertvolle Energie und hilft dadurch einfach, durchzuhalten…

Für eine Weile war mir dieser Ring aber ein wertvoller Begleiter… Es war kein Ehering oder sonst ein Ring, den ich von Andreas geschenkt bekommen hätte. Ich habe ihn mir selbst geschenkt – vielleicht macht es ihn daher noch wertvoller…?

Von Andreas hatte ich einen Ring geschenkt bekommen, den ich sehr liebte und der mich stets begleitet hat. Ungefähr ein dreiviertel Jahr nach seinem Tod konnte-wollte ich diesen Ring nicht mehr tragen. Von einem Moment zum anderen fühlte sich das total falsch an. Ich habe ihn versuchsweise abgelegt und in ein kleines Schatzkästchen getan – das war besser.
Nun fehlte aber ein Ring am Finger – der Platz durfte nicht leer bleiben… So habe ich ein wenig recherchiert und solche Drehringe entdeckt. Das gefiel mir ganz extrem gut. Im Kontakt mit der Goldschmiedin habe ich mir mein ganz persönliches Modell kreiert… Der schön geschwungene Silberring trug einen schmalen Silberring mit dem Aufdruck

„Alles ist gut – anders, aber“

Andreas hat so oft zu mir gesagt „alles ist gut“, das ist sehr hängen geblieben… Im Kreis geprägt war das mein Mantra: „Alles ist gut – anders, aber alles ist gut – anders, aber alles ist gut – anders, aber alles ist gut………“

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© Sonja Thiemann Schmuckdesign

Als zweiten Ring habe ich mir einen schmalen rotgoldenen Ring gewünscht – auf diesem waren die Koordinaten von Andreas‘ Ruhestätte im Ruheforst gedruckt.

An dieser Stelle einen lieben Gruß an Sonja Thiemann, die den Ring für mich gefertigt hat – *klick* ihr Shop… ♥
…vielleicht werde ich Kontakt aufnehmen und mir einen neuen Ring bestellen – wer weiß *lach*

Anjas-Ring
© Sonja Thiemann Schmuckdesign

Tja, nun ist er weg…

Es fühlt sich gut an, dass ich nicht von elender Verzweiflung überspült werde und unsagbar traurig bin.

Ich gebe zu: die Perfektionistin in mir hat ganz schön herumgezickt:
„Warum hast du denn nicht besser aufgepasst???“
„Du Schussel…“
„Weißt du eigentlich, was der gekostet hat???“
„Wieder nicht gut genug drauf geachtet…“
Kopfschüttel…
„Musste das jetzt sein?“

Tja, statt ihr beizupflichten habe ich sie nett angelächelt, ihr über den Kopf gestreichelt und zu ihr gesagt:

Alles ist gut ♥

Neue Energie…

Neue Energie…

…wie soll es denn nun weitergehen? Wie kann es weitergehen?

Die Jahreszahl hat *klack* heute Nacht gewechselt. 365 Tage liegen unberührt vor uns (naja, einer ist schon fast rum)… Überall wird man überschüttet mit guten Wünschen fürs neue Jahr… Fröhlichkeit, Ausgelassenheit – auch der ein oder andere Kater und bleierne Müdigkeit… Ich freue mich, dass ich das mittlerweile gut aushalten und das ein oder andere Mal sogar mitgehen kann. Mein Empfinden hat sich tatsächlich gewandelt… Ich blicke ja inzwischen auf 4 Silvester zurück – ohne ihn. Anders. Ich kann diesem Tohuwabohu noch immer nicht wirklich etwas abgewinnen. Vielleicht bleibt das auch einfach so…?

Ich habe einen schönen Jahreswechsel verbracht – hoch über der Stadt auf einem Kirchturm. Weit ab von allem Getümmel aus der Vogelperspektive aufs Feuerwerk schauen hatte etwas ganz Besonderes. Irgendwie abgehoben und doch „mitten drin“. Das war toll.
Und doch… Leicht ist es mir nicht gefallen…

Aber das muss es auch nicht. Ich kann mein „anders Empfinden“ gut aushalten. Das tut gut.
In vorhergegangenen Jahren habe ich mich oft „falsch“ gefühlt, obwohl ich doch für mich richtig gehandelt habe. Zurückgezogen zu Hause für mich gefeiert… Früh ins Bett… Mit meinem Sohn am Strand… Ich habe immer einen für mich guten Weg gefunden, den Jahreswechsel zu überstehen (von Feiern keine Rede). Trotzdem war für mich immer ein Fragezeichen präsent: bin ich richtig so? Ist das okay? Muss ich nicht langsam mal wieder mitfeiern?
Nö! Das stelle ich nun nicht mehr in Frage. Ich bin gut so, wenn ich auf meinen Bauch höre und tue, was mir passend erscheint.

Nichtsdestotrotz waren der Rest von 2017 mit dem Tod meiner Schwiegermutter und der energieraubenden Trauerfeier anstrengend… Mir war daher nicht nach Jahresrückblick zumute. Viel lieber möchte ich nach vorne schauen und mir etwas zurecht legen, das mir durch die Tage hilft.

Auf Facebook bin ich über ein Ritual „gestolpert“, das mich sehr angesprochen hat. Eine liebe Freundin hatte mir in ganz ähnlicher Form nach Andreas‘ Tod schon einmal davon berichtet – zu der Zeit war es aber irgendwie nicht „dran“ für mich. Nun, da es mir wieder begegnet, scheint es sich geändert zu haben ;0)
Gerne möchte ich es mit dir teilen – vielleicht magst du es auch? Vielleicht passt es genau jetzt zu dir?

Notiere schöne Erlebnisse – oder schöne Erinnerungen, die aufkommen – auf einem Zettel… Halte dieses besondere Ereignis oder Gefühl fest (wirklich aufschreiben!) und lege den Zettel in ein Glas oder ein anderes Gefäß, das du schön findest.
Auch wenn man manchmal den Eindruck hat, es gebe nichts Schönes, kein Glücksgefühl mehr… Es gibt sie doch, diese besonderen Momente, wo ein Lächeln übers Gesicht huscht – oder du sogar von Herzen lachen musst. In dunklen Phasen verschwinden diese Glücksmomente im Dunkel und sind schnell vergessen… Mit dem kleinen Hilfsmittel, sie aufzuschreiben, gehen sie nicht verloren, sondern werden „greifbar“. Mit der Zeit werden sich Zettel ansammeln – vertraue auf die Zeit – und so sammelst du einen kleinen ganz persönlichen Schatz.

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Quelle: Pixabay

Aus diesem Schatz kannst du dir dann immer, wenn du es brauchst, ein Teil herauspicken (oder alle lesen). Liest du die Notizen, kannst du in das Gefühl eintauchen, das du hattest, als du den Zettel geschrieben hast…

Ich werde das tatsächlich einmal ausprobieren.

Um den Effekt, die „Magie des Positiven“ zu verstärken, werde ich mein Achtsamkeitstagebuch wiederbeleben. Das hatte ich schon einmal eine ganze Zeit lang gemacht, aber aus einem nicht definierbaren Grund wieder fallen lassen.

Ich nehme mir jeden Abend ein wenig Zeit, auf den Tag zurück zu blicken – nur ein paar Minuten (oder auch mal länger, wenn mir danach ist). Ich schreibe mir dann 3 Kleinigkeiten auf, die mich an dem Tag gefreut oder gar glücklich gemacht haben. Es dürfen natürlich auch mehr Dinge sein – aber 3 finde ich eine absolut machbare Anzahl. Selbst am vergurktesten Tag, wo ich abends das Gefühl habe, dass wirklich alles mies war… Ich finde am Abend trotzdem 3 Dinge, die schön waren. Es geht dabei nicht um große Emotionen oder bahnbrechende Ereignisse, sondern um Kleinigkeiten: Vogelgezwitscher, das Lächeln der Frau an der Ampel, eine Blume, ein Kaffee,… Es gibt so viele schöne Klitzekleinigkeiten, die den Tag leichter machen.
Dann habe ich noch eine Ergänzung meiner Schatzkiste… Ein Schatz im Glas und einer im Buch…

Es tut unglaublich gut, wenn man dann mal in diese Schatzkiste greifen kann und nachspürt, wie viele gute Momente es gab… Wie schön das Leben doch ist – trotz allem…

 

Kennst du auch schon die Achtsamkeitsübung mit den 3 Kaffeebohnen oder Erbsen oder Steinchen? Dazu steckst du dir am Morgen 3 Teile in die linke oder rechte Hosentasche und gehst etwas bewusster durch den Tag: jedes Mal, wenn du einen schönen Moment erlebst, wandert ein Teil in die andere Hosentasche. Am Ende des Tages sind die Teile immer gewandert, oder? Wenn man die „Messlatte“ niedrig hängt und einfach Kleinigkeiten wertschätzt, ist das einfach. Diese Übung tut total gut, finde ich – sie ändert den Fokus… Bei dieser Übung hat man allerdings nichts Nachvollziehbares, daher finde ich das Aufschreiben am Abend noch einen Tick wertvoller…

Kennst du solche Übungen auch? Hilft dir so was?

Ich wünsche dir für das kommende Jahr viele kleine schöne Momente, die dir Kraft geben, die schweren, dunklen, traurigen Momente aufzuwiegen oder zumindest tragbar zu machen ♥

Ein Licht geht um die Welt…

Ein Licht geht um die Welt…

Jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember geht am Worldwide Candle Lighting Day ein Licht um die Welt…

Um 19.00 Uhr heute stelle auch ich eine Kerze ins Fenster und trage zu dem Leuchten bei, das um die Welt geht… Du auch?

Wenn heute eine gute Fee zu mir käme, um zu fragen, was ich mir wünsche – ich wüsste gleich, was ich mir wünschen würde…

…Fliegen!

Nur einmal heute losfliegen und dann von oben zuschauen können, wie dieses Lichtermeer um die Welt geht. Ich würde mit der Zeitzone um die Welt fliegen und erleben, wie in allen Ecken der Erde Kerzen erleuchten. Ich bin sicher, es werden unglaublich viele Lichter scheinen. Das ist auf der einen Seite irre trauig, weil (fast) jede Kerze für ein verstorbenes Kind steht, das nicht mehr auf dieser Welt weiterleben darf… Auf der anderen Seite ist da so ein wohligwarmes Mitgefühl, das zu Herzen geht.
Hinzu kommt die Erinnerung an das Leuchten, das jedes dieser Kinder in diese Welt getragen hat. Egal, wie kurz oder lang sie selber strahlen konnten – sie leuchten in ihren Liebsten weiter…

Ich bin so unendlich dankbar, dass mir der Schmerz, ein Kind zu verlieren, bislang erspart geblieben ist. Gerade habe ich versucht, einmal hineinzuspüren, wie das wohl sein könnte – ich traue mich aber nicht weiter hinein. Ich kann nur ahnen, welche Qual damit verbunden sein mag und kann und will mir nicht ausmalen, was das mit mir machen würde. Somit entzünde ich meine Kerze heute Abend in großer Dankbarkeit, Demut und dem Mitgefühl für alle, die es brauchen…

In der letzten Zeit sind mir viele Artikel und Notizen zum Licht in der Vorweihnachtszeit begegnet. Meist stand dort geschrieben, wie quälend dieses helle, bunte Licht für Trauernde ist. Beim Lesen regte sich in mir leichter Widerstand… Das habe ich anders erlebt – oder?!? Ich war mir komplett unsicher, ob bei mir eine Erinnerungsverzerrung stattgefunden hat… Hab ich mich auch so gequält?! Weiß ich das nur einfach nicht mehr?
Tja, und nun habe ich wieder einen Trauerfall zu verarbeiten – ich trauere um meine Schwiegermutter und mit dieser Trauer kommen Erinnerungen, die nicht alle fröhlich und leicht sind… Ich kann also ohne Vorbehalte aus der Sicht einer Trauernden schreiben:

Mir hilft es sehr, dass in der Dunkelheit überall etwas leuchtet. Ich ziehe mich gerne in meine Lieblingsecke zurück und zünde Kerzen an, knipse Lichterketten und Herrenhuter Sterne an und lasse mich von der Wärme, die dieses Licht ausstrahlt, mit wärmen.
Ich persönlich habe auch kein Problem damit, wenn jemand solche Lichter schon vor dem Totensonntag anbringt… Ich empfinde es als seltsam, dass es ein festes Datum geben soll, ab dem dann Glitzerbeleuchtung okay ist und vorher nicht. Da ich mich an dem Leuchten nicht störe, empfinde ich es auch nicht als respekt- oder gefühlslos, wenn jemand schon vor dem Datum seine Beleuchtung anbringt. Für mich ist es okay, wenn man seinem Gefühl folgt und versucht, die dunkle Jahreszeit ein wenig auszuleuchten. Und die Tage werden nun mal bereits vor dem Totensonntag deutlich kürzer und dunkler…

Was nicht gut tut…

Dass das für mich nicht für diese wild-bunte Blinkedingsbums-Beleuchtung gilt, macht es jetzt ein wenig schwer… sorry, da bin ich intolerant. Die sollte man einfach grundsätzlich verbieten *lach*
…die fand ich aber schon immer scheußlich – egal, ob in Trauer oder nicht ;0)

Wofür das auch nicht gilt: diese unsäglichen WhatsApp-Bildchen für die Adventssonntage… Die Wünsche für einen schönen Advent sind sicher lieb gemeint, aber ein persönliches „Ich denke an dich – fühl dich gedrückt“ wäre echt schöner, oder? Liebe Grüße an dieser Stelle an die Chat-Mädels, wo ich diese Anmerkung aufgegriffen habe, weil sie mir so aus dem Herzen spricht ♥

In dieser bunt-glitzernden Vorweihnachtswelt scheinen viele davon auszugehen, dass alle sich zu dieser Zeit auf Weihnachten freuen, die Adventssonntage genießen und glücklich vertraut zu Hause Plätzchen backen…
Das ist doch aber nicht so, liebe Leute!!!
Ich wünsche mir, dass der eine oder andere vor dem Verschicken dieser Bildchen oder Videos noch einmal innehält, sie löscht und einfach ein paar herzliche Worte tippt…
Oh, verflixt… Wenn die Fee tatsächlich bei mir vorbei schaut, habe ich vermutlich nur einen Wunsch frei – da wäre mir das Fliegen deutlich wichtiger… Dann brauche ich deine Hilfe, bitte, denn dafür braucht es ja keine Fee:

Machst du mit?

Schreibst du in deiner nächsten WhatsApp einfach ein paar herzerwärmende Worte? „Ich denke an dich“ oder so ist tausendmal besser als nur ein Bild oder ein Video zu teilen… Welche Worte gut passen, weißt du sehr sicher besser als ich :0)

Und: stellst auch du heute Abend um 19.00 Uhr eine Kerze ins Fenster? Dann kann ich sie sehen, wenn ich über dein Haus fliege………

Ein Licht für all die Verstorbenen, um die wir trauern
Quelle: Pixabay