Durchhänger

Durchhänger

Ich muss zugeben, dass ich heute nicht inspiriert schreibe, sondern mich ein wenig dazu dränge… Das ist eigentlich nicht meine Art.

Wieso ich dann überhaupt schreibe?

Mir geht es momentan nicht gut. Das kommt mal vor und geht auch wieder vorbei – aber heute schreibe ich einmal darüber, um dir zu zeigen, dass auch das sein darf:

Einfach mal traurig sein…

…und das dann auch öffentlich teilen? Ja! Denn ich finde es unnatürlich, wenn auf Social Media immer nur zu sehen ist, wer mit wem wo ach so viel Spaß hat und überschwappend glücklich ist. Das ist doch Augenwischerei, oder?

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Memento mori

Memento mori

November bedeutet: Totenhemd-Challenge-Zeit! Es ist wieder soweit: Petra Schuseil und Annegret Zander rufen mit ihrer jährlichen Blog-Challenge auf:

Memento mori – werdet kreativ!

Also eigentlich hatte ich was Kreatives vor – aber da der Zustelldienst meine Lieferung sonstwem geliefert hat (jedenfalls nicht mir), musste ich umdisponieren…

Ich möchte euch gerne an meinen Erinnerungen teilhaben lassen: heute vor 4 Jahren ist mein Liebster gestorben… Ein Brief in den Himmel ♥

…aaaber, ich schreibe nicht an Andreas – wie ich es erst vorhatte – ich schreibe an jemand anderen:


 

Lieber Tod,

ich schreibe dir – dabei hätte ich viel lieber meinen Andreas gerade heute, gerade JETZT neben mir… Vorhin hatte ich kurz das Gefühl, er sei da… Kann das sein? Oder hast du mir mit einem Hauch zeigen wollen, dass ich noch hier und am Leben bin?!

Ja, ich lebe… nur heute schmerzt dieses Leben unfassbar! Ich tauche durch Erinnerungen, die weh tun, denn ich vermisse ihn gerade sooo sehr. Warum hast du ihn mitgenommen?!

Er fehlt mir sooo…

Ich erinnere mich an diesen letzten Abend, bevor Andreas starb… Er war ganz unruhig, wollte unbedingt aufstehen, obwohl das zu dem Zeitpunkt nur noch mit meiner Hilfe und ganz viel Mut und Kraft zu machen war. Sein Körper war schon so weit eingeschränkt… Aber da ihm das so wichtig war (ich weiß gar nicht mehr, wie er mir das zu verstehen gab – sprechen war schließlich auch nicht mehr möglich?!), habe ich ihm diesen Wunsch erfüllt… Er wollte partout auf der Couch sitzen. Für Sohn und mich war „Voice of Germany“-Zeit – da wollte er gerne dabei sein und fernsehschauen. Ich weiß noch, wie anstrengend das für ihn war… Aber wir saßen tatsächlich ungefähr 5 Minuten alle drei einträchtig gemütlich auf der Couch… Aneinander gekuschelt fühlte sich das tatsächlich so herrlich vertraut und „normal“ an… Seufz…

Nach diesem innigen Moment war es, als hättest du bereits im Raum gestanden, um nach uns zu schauen… Vermutlich hast du dich doch erweichen lassen, als du uns so gemeinsam gesehen hast, oder? Ich hatte plötzlich das Gefühl, es gäbe einen kleinen Aufschub für uns. Und doch war da dieser kalte Schauer gefühlter Endlichkeit.

Danke! Danke für diesen schönen letzten gemeinsamen Moment… Danke für diese letzte Nacht, die noch so liebevoll und innig und ohne Ängste verlaufen durfte… Danke, dass du mir nicht übel genommen hast, dass ich dich nicht wahrhaben wollte… konnte…

Ach, was habe ich mit dir gerungen, wollte dich weder sehen noch akzeptieren… Du hast das ignoriert – hattest deine Vorgaben, Pläne oder irgendwelche Gründe… Du hast mir schließlich meinen Herzensmenschen einfach so gestohlen. Dabei hatten wir doch Pläne und Träume… Ich war so unerhört wütend auf dich!

Weißt du, ich hätte so sehr eine Erklärung gebraucht von dir: warum muss ein so junger Mensch sterben? Wo ist da der Sinn? Was hast du dir dabei gedacht???????

Ich habe bis heute keine Antwort auf diese Fragen… Mittlerweile habe ich das akzeptiert: es gibt einfach keine Antwort. Nicht jetzt. Aber glaube mir: ich hebe mir diese Frage auf! Eines Tages, da begegnen wir uns ja auch direkt und persönlich. Dann mach‘ dich darauf gefasst, dass ich dir einiges um die Ohren hauen werde!
…vielleicht aber werde ich auch dann bereits verstanden haben… Wer weiß.

Was ich nun zu verstehen glaube ist ein großes Geschenk, dass du mir ganz nebenbei dagelassen hast (war das Absicht?):

Ich soll end-lich leben!

Mit Haut und Haaren, mit Liebe aus vollem Herzen, Glück aus tiefster Seele, unaushaltbar scheinendem Schmerz, schallendem Lachen, tränengerührten Gesprächen, erquickender Musik,… Die ganz große Achterbahn mit drölfzig Loopings! Her mit dem Leben!

…und das tue ich! Neulich gerade habe ich mich darüber beschwert, dass diese Achterbahnfahrt so immens anstrengend ist – aber, weißt du was? Sie ist soooooo großartig, denn sie lässt mich das Leben mit voller Wucht und in so großer Bandbreite spüren, dass es diesen Kraftakt sowas von wert ist!

Tschakkaaaaa!

Pläne, die mache ich nur noch kurzfristig in absehbarer Zeit – und zwar so, dass ich es ganz unproblematisch finde, wenn sie nicht umgesetzt werden können. Träume… ja, die gibt es. Aber ich träume nicht lange vor mich hin: meistens braucht es nur einen Ruck, um sie Wirklichkeit werden zu lassen… Und wenn nicht, sind sie auch einfach nicht so wichtig.
Ich fühle mich noch weit davon entfernt, dass ich so lebe, als könnte ich jeden Moment sterben und das wäre okay. NEIN! ICH WILL NOCH NICHT! Ich möchte bitte noch hier bleiben!

Aber ich sehe dich jetzt, lieber Tod! Ich verstecke mich nicht, sondern ich nutze die Zeit, die ich habe.

…und wenn du dann eines Tages zu mir kommst, werde ich bereit sein. Ich glaube, wir werden uns wie Freunde umarmen und ich werde mich freuen, mit dir gehen zu dürfen. Das wird nämlich eine große Ehre sein und die Ängste, die wir Menschen uns hier zusammenreimen, sind einfach komplett irrsinnig…

Bis dahin sei aber so gut und gib mir Zeit, ja? Ich möchte mein end-liches Leben genießen!!!

Deine Anja

PS: …untersteh‘ dich und hole meinen Sohn vor mir ab! Dann bist du fällig!

PPS: …denk‘ dran, ich erwarte eine Antwort auf meine Fragen!


 

Ein herrlicher Erinnerungsnachmittag im Ruheforst… Es sind viele Tränen geflossen, denn ich kann es kaum fassen, dass es 4 Jahre her ist, dass du sterben musstest… Ich fühlte mich dir ganz nah… Und gleichzeitig warst du so weit weg…

Da war dieser Raubvogel, der eigentlich auf Beutezug war und dann auf einmal zu uns flog… Magisches Licht im Wald… Wind von Ost, der das Meer aufwühlt… Laubrascheln…

Wir haben dir einen „waldgerechten“ Altar aufgebaut. Rosenblätter, eine Muschel vom Strand, ein Brief, ein Herz aus Vogelfutter… eine Kerze, damit du uns leuchten sehen kannst… Das Windlicht haben wir wieder mit heim genommen, denn das darf ja im Wald nicht stehen bleiben…

…wish you were here!

Rezension: „Alleine weiterleben“ von Eva Terhorst

Rezension: „Alleine weiterleben“ von Eva Terhorst

Ich habe gerade einmal versucht, nachzuvollziehen, wie Eva und ich uns eigentlich begegnet sind. Mittlerweile kennen wir uns seit 3 Jahren. Ein erster Kontakt entstand über Evas Begleitbrief, den sie mit tollen Tipps, hilfreichen Infos und meist (immer?) auch mit Gewinnmöglichkeiten gefüllt verschickt.

Meine Trauerbegleiterin Gisela Sender hatte mich auf Eva aufmerksam gemacht. Sie empfahl mir auch Evas erstes Buch „Das erste Trauerjahr“, das ich am Ende meines persönlichen ersten Trauerjahres nach und nach durchgelesen habe.

Neben einigen anderen Faktoren haben auch Evas Begleitbrief und ihr Buch dazu beigetragen, dass ich mich weiterhin mit dem Tod und dem Sterben und der Trauer beschäftige. Wenn du also diese Zeilen hier liest: Eva hat ihren Beitrag dazu gesteuert, dass mein Weg sich so entwickelt hat. Danke, liebe Eva ♥

Im Lauf der Zeit sind wir in Kontakt geblieben und haben unsere Verbindung auch ins „wirkliche Leben“ transferiert – schöne Begegnungen „live“ sind gleich noch toller!


Alleine weiterleben
Quelle: Anja Pawlowski

Alleine weiterleben

Wenn der Partner stirbt: Den heilsamen Weg aus der Trauer finden

Ein Buch von Eva Terhorst zugeschnitten auf eine besondere Trauersituation: Weiterleben nach dem Tod des Partners.

Dieses Buch hätte ich gerne früher schon gehabt!

Selbst durch den Tod meines Mannes betroffen, finde ich hier viele hilfreiche Informationen und Anregungen. Wenn man „Das erste Trauerjahr“ bereits gelesen hat, findet man hier weiterführende Hilfestellung für Frauen, deren Partner verstorben ist. Mit „Alleine weiterleben“ bekomme ich einen Ratgeber an die Hand, der mir alle wichtigen und brennenden Fragen beantwortet.

Ich liebe die schön formulierten Affirmationen und lese gerne die Traumreisen. Wie immer bietet Eva Terhorst die Traumreisen zum Download an, damit man sie in Ruhe hören kann und die Augen einmal Pause haben.

Die Autorin hat selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn der Partner verstirbt. So kommen ihre Ausführungen und Erklärungen noch authentischer rüber, finde ich. Eva schreibt nie „mit erhobenem Zeigefinger“, sondern gibt Hintergrundinformationen, Empfehlungen, und teilt Hilfreiches. Ich fühle mich beim Lesen abgeholt und mitgenommen.

An ein, zwei Stellen hatte ich Fragezeichen im Kopf: ja, und wie soll ich das jetzt umsetzen? Zuerst ein wenig frustriert, wurde mir schnell klar, dass hier kein Buch die Antwort geben kann. Entweder finde ich selbst einen Weg oder ich hole mir Hilfe durch eine Trauerbegleiterin und lasse mich führen. Der Weg ist aber immer zu individuell, als dass man für jede Situation eine passende Führung ins Buch schreiben könnte.

Alle wichtigen Aspekte der Trauer werden beleuchtet. Persönliche Situation, körperliche Auswirkungen, Seele, Kinder, Umfeld,… Eva Terhorst spricht auch „unbequeme“ Punkte an, wie z. B. Persönlichkeitsveränderungen in der Krankheitsphase.
Durch die übersichtliche Aufbereitung kann man auch später immer mal wieder nachschlagen.

Kapitel 6 „Mögliche Reaktionen anderer und der Umgang damit“ sollte vielleicht nicht nur von Trauernden gelesen werden, sondern an alle Zugehörigen von Trauernden verteilt werden. Hier kann man auch als Außenstehender lernen und durch Wechsel des Blickwinkels Trauernden achtsamer und verständnisvoller begegnen.

Sehr schön finde ich, dass Eva immer einen Blick auf die positiven Entwicklungen richtet. Wie der Untertitel des Buches besagt: „Den heilsamen Weg der Trauer finden“ zeigt die Autorin glaubhaft und nachvollziehbar auf, dass das Leben nach dem puren Überleben auch wieder schön werden darf und wird.

Ich mag dieses Buch Trauernden ans Herz legen, die ihren Mann verloren haben. Ich finde es für diesen Anlass noch besser, weil treffender als „Das erste Trauerjahr“ – wer unsicher ist, liest einfach beide, da kann man nichts verkehrt machen ;0)

Fazit: rundum gelungen – und in die Kategorie „lesenswertvoll“ einsortiert!


GEWINNE | GEWINNE | GEWINNE

Ich habe 2 Exemplare des Buches ergattert und möchte diese nun mit großer Freude weitergeben.

Gewinn: 2 x 1 Exemplar „Alleine weiterleben“ von Eva Terhorst

Wer gewinnen möchte, schreibt mir bis Samstag, 17. November 2018 um 17.18 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff „Alleine weiterleben“ an untroestlich.blog(at)gmx.de (das @ ersetzt dann das (at), damit mich deine E-Mail erreicht).

Am 17. November ist Andreas‘ Todestag – ich finde, dieser Gedenktag ist perfekt für die Auslosung!

Teilnahmebedingungen könnt ihr hier nachlesen: Teilnahme

…und nun: viel Glück ♥♥♥

Ein Ort zum Trauern…

Ein Ort zum Trauern…

Bisher war ich steif und fest der Ansicht, ich brauche keinen Ort zum Trauern. Gedenken kann ich schließlich wann und wo ich das möchte. Das kann ich auch gar nicht so recht kontrollieren, wann und wo mir danach ist…?

Ich brauche und möchte kein Grab auf dem Friedhof. Stein an Stein und eingezäunte Gräber. Schweigen und höfliches Hüsteln, wenn man mal jemanden trifft. Mein inneres Bild vom Friedhof ist sicher nicht richtig, aber diese Vorstellung schreckt mich ab. Andere finden sich in dieser Ordnung wieder, fühlen sich wohl – so hat eben jeder seins.

Momentan jedoch spüre ich Wandlung. Read more

Von Ängsten und Schätzen…

Von Ängsten und Schätzen…

Mir begegnete dieses Zitat, das mich sehr angesprochen hat. Es hat mich ein wenig zum Nachdenken inspiriert…

Unsere größten Ängste sind die Drachen,
die unsere tiefsten Schätze bewahren.

Rainer Maria Rilke

Meine größte Angst: was ist das eigentlich? Bislang war das recht leicht: irgendwas mit Tod. Sterben hatte für mich etwas Gruseliges… Besonders durch diese Unkontrolliertheit. Ich habe immer sehr darauf geachtet, möglichst alles unter Kontrolle zu halten – da hat es mich umso mehr aus der Bahn geworfen, wenn der Tod um die Ecke lugt und einfach ein Menschenleben mitnimmt. Und ich kann nur Zusehen… Das hat mir echt Angst gemacht.

Nachdem mir der Tod nun schon so oft liebe Menschen genommen hat – und mir ein Mal davon so richtig nahe gekommen ist… Da spüre ich, dass mir der Tod keine Angst mehr macht.

Was dennoch bleibt, ist diese Angst vor Kontrollverlust – aber ich arbeite daran… Übe mich im Vertrauen auf das, was kommen mag.
Stelle ich mir diese Angst als Drachen vor, der einen Schatz bewacht, passt es für mich: die Kontrolle einmal abzugeben, mich dem Fluss des Lebens hinzugeben und sein lassen, was sein soll und auch sein lassen, was nicht sein soll: dann begegnen mir plötzlich Menschen, überraschen mich Dinge oder es entstehen wunderbare Begegnungen, die so bereichernd sind, dass sie einfach wertvoller sind als ein Berg Diamanten es je sein könnte.
Nein, ich bin noch nicht gut darin… Zweifle oft und probiere doch häufig meinen Dickschädel aus ;0)
Stück für Stück setzt aber Begreifen ein. Manchmal wünsche ich mir etwas so sehr, dass ich komplett frustriert bin, wenn das nicht so klappt, wie ich das gerne hätte. Mit etwas Abstand betrachtet zeigt sich dann, dass das genau gut war:

„Bedenke: nicht zu bekommen was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall.“
(Dalai Lama)

Sinnsuche

Sicher fragst du dich, wie es denn sein kann, dass der Tod eines geliebten Menschen solch einen Sinn ergeben kann…? Was genau soll nun gut sein daran, dass jemand stirbt?
Jede und jeder von uns hat wohl hier eine Aufgabe zu erfüllen und unsere Zeit dafür ist begrenzt. Warum Andreas‘ Zeit hier so kurz bemessen war – ich weiß es nicht und ich finde es weiterhin ungerecht und traurig und schade… Was ich jedoch weiß ist, dass er für meinen Sohn und mich eine sehr wichtige Rolle gespielt hat. Wir waren uns wichtige Wegbegleiter – und ob ich es nun durchgrüble und unsere Zeit zu kurz finde oder nicht: es macht keinen Unterschied. Es. ist. wie. es. ist.

Ohne dieses Ereignis jedoch würdest du diese Zeilen hier nicht lesen… Ich wäre nicht auf dem Weg, den ich jetzt gehe…
Mein Leben wäre anders verlaufen – und ich bin nicht sicher, ob das sich besser angefühlt hätte.
Hätte… Wäre… Könnte… Von der Anzahl möglicher Welten, die nicht sind, aber sein könnten, wird mir der Kopf ganz schwindelig…

Was bleibt? Dankbarkeit für das, was ist. Für das, was sein darf. Ein Drache ist fort – ich habe einen Schatz gefunden: mich, wie ich gerade bin.
Ich bin sehr gespannt, was die anderen Drachen bewachen.

Der Tod: Er gehört zum Leben dazu, macht dieses Leben erst so kostbar und lässt uns Schätze entdecken, wenn wir uns darauf einlassen – und wer weiß schon, was mit ihm neu beginnt…?

Jeder Sonnenuntergang erinnert mich an diese Kostbarkeit. Immer wieder dankbar auf den heutigen Tag zurückschauen – egal, wie wunderbar oder anstrengend-stressig er gewesen sein mag – ich durfte ihn er-leben!

Danke ♥

Sonnenuntergang auf Pag - Sehnsucht und Trauer und Vermissen
(c) Anja Pawlowski
Fenster…

Fenster…

Sehr seltsam… Seit einiger Zeit schlafe ich wieder bei geöffnetem Fenster… Ja, ich weiß – bei dieser Hitze momentan ist das wohl unausweichlich – aber auch vorher schon ist es mir aufgefallen.

Warum das seltsam ist? Seit Andreas‘ Tod habe ich die Fenster nachts geschlossen gehalten. Das Leben draußen war mir zu laut, zu unruhig, zu aufmerksamkeitsheischend, zu… Zu halt… Ich konnte es nicht aushalten – war der Schlaf doch so schwer zu finden, den wollte ich nicht auch noch von außen gestört wissen. Zu kostbar jede Minute, die der schwer mit dem Leben kämpfende Körper endlich einmal die wild in tiefe Tiefen kreisenden Gedanken besiegt und zur Ruhe gekommen ist.

Nun scheint dieser Kampf irgendwie ausgekämpft und ich wieder offener für eine Öffnung nach Außen zu sein…?

Mir schießt dazu immer wieder dieser Spruch bzw. dieser Brauch durch den Kopf, der zum Tragen kommt, wenn jemand stirbt:

Öffne das Fenster, damit die Seele davonfliegen kann…

Als Andreas starb, habe ich das ganz automatisch getan – ohne auch nur im Mindesten darüber nachzudenken… Einzig die Bestätigung der Begleiterin vom Palliativdienst im Sinne von „ja, das ist gut, dass du das Fenster öffnest, dann kann seine Seele davonfliegen“ hat meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt.

Braucht die Seele ein Fenster?

Aber: braucht die Seele tatsächlich ein Fenster, um davonzufliegen? Geht das nicht „einfach so“? Warum muss das Fenster offen sein?
Vielleicht ist es ja auch eine Art Beschäftigungstherapie für die Begleitenden. Wenn man die ganze Zeit im „Helfen“-Modus gefahren ist und der Mensch, den man begleitet, stirbt, dann gibt es von jetzt auf gleich nichts mehr zu tun. Dann kann man wenigstens das Fenster öffnen und einmal tief durchatmen ;0)

Denn die Seele oder was immer bleiben mag, wenn jemand stirbt – und ich bin fest davon überzeugt, dass etwas bleibt – ich denke, dass es noch eine Weile ganz dicht um uns bleibt. Nicht im Körper, der bis zum Tod belebt wurde, aber doch irgendwie präsent.

Noch wichtiger als das Fensteröffnen war für mich persönlich das bewusste Abschiednehmen… Das Begreifen, dass er nun wirklich tot ist.
Dazu fand ich die Begleiterin des Palliativdienstes einfach bereichernd: sie war da, hat mich ganz fest in den Arm genommen (zwischen der mir bis dahin gänzlich unbekannten Frau und mir war angesichts des Todes eine spontane Nähe – sehr schön!) und mich auch ermutigt, mich mit dem toten Körper zu befassen – ich danke dir von Herzen, du Liebe, dass du so sehr und so besonders für mich da warst ♥

Diese letzten Kontakte, sie waren und sind so unsagbar wertvoll für mich. Ihn zu berühren, im wahrsten Sinne „begreifen“ zu können, dass er nun tot ist – ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne diesen Kontakt hätte verstehen oder gar akzeptieren können…

Diesen Menschen, den man lebendig so oft berührt, umarmt, gestreichelt hat – den man von oben bis unten und von hinten und von vorne in und auswendig zu glauben kennt… Mit dem Tod wird er auf einmal unheimlich (mir jedenfalls). Haben wir das in unserer Gesellschaft so gelernt? Ich habe jedenfalls zuvor nie einen Menschen beim Sterben begleitet und Andreas war auch der erste Tote, den ich erlebt habe.

Bis dahin habe ich mich immer an dem in unserer Gesellschaft so verbreiteten Ausspruch festgehalten „behalte ihn/sie so in Erinnerung, wie du ihn/sie gekannt hast“.
Ja, klar, es ist leichter, den Menschen so im Kopf zu behalten, wie er erfüllt von blühendem Leben durch die Welt marschiert ist – aber ist das tatsächlich leichter?!? Wie bitte schafft der Verstand es dann, nachzuvollziehen, weshalb dieser Mensch auf einmal in einer Holzkiste oder einem vasenähnlichen Gefäß verschwunden ist? Da fehlt doch etwas?

Berührungsschreck…?

Nun war da diese Frau, die mich fragte, ob ich Andreas mit ihr gemeinsam waschen würde?

What?!? Ich soll einen Toten anfassen?!? Neeeeeein!!!

Doch! Hab ich! Und es tat so gut! Es hatte überhaupt gar nichts Unheimliches, sondern war ein Teil des Begreifens, dass er nun nicht mehr lebt – dass das, was wir da waschen, nur seine Hülle ist.
Mir dann zu überlegen, was er wohl am liebsten getragen hätte im Sarg – tieftraurig und doch so begreifend. Schließlich wusste ich genau, was er am liebsten trug. Das sollte er nun auch anziehen. Ganz praktisch etwas zu tun – die Kleidungsstücke zusammensuchen – hat mich in der Realität gehalten, hat mir dabei geholfen, nicht umzufallen.

Ich bin auch sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit genutzt habe, ihn noch ein wenig zu Hause zu behalten… Der Hausarzt kam, hat die offiziellen Untersuchungen durchgeführt (da war ich nicht dabei – ich glaube, das ist auch etwas, das man sich ersparen sollte…?), den Totenschein ausgefüllt – die automatische Folgerung wäre eigentlich, den Toten vom Bestatter abholen zu lassen.
Ich bin von dem von mir gewählten Bestatter in keinster Weise begeistert – schön war aber der Hinweis, dass der Körper nicht sofort abgeholt werden muss, sondern er noch eine Weile bleiben kann, wenn wir das möchten. Sie seien 24h erreichbar und kämen jederzeit, wenn sie den Verstorbenen abholen sollen.*

Nach und nach die Veränderungen seiner Hülle zu beobachten war direkt ein bisschen spannend – mein Sohn war nach den ersten Berührungsängsten ganz fasziniert und hat bei jeder Gelegenheit Bericht erstattet.
Für uns war es so leichter, Andreas‘ Körper abholen zu lassen. Ja, es hat mich vor Schmerz zerrissen, als die Männer vom Bestattungsinstitut ihn abgeholt haben – aber trotz alledem war es okay, denn sie haben mir nichts nehmen können, das nicht schon fort gewesen wäre…

Puh… Auch nach all‘ der vergangenen Zeit ist es sehr intensiv für mich, hierüber zu schreiben…

Ich bin aber dankbar und in Frieden mit diesem Abschied.

Woher aber kam nun dieses „Phänomen“, dass ich seit diesem Abschied nicht mehr bei geöffnetem Fenster schlafen konnte? Wollte ich all seine Energie im Haus halten? Die Luft, die er geatmet hat, weiter atmen? Nein, das passt nicht, denn frische Luft tat mir total gut… Ich denke, es war eher diese Überempfindlichkeit gegenüber allen Einflüssen von außen. Diese gefühlte Schutzlosigkeit gegenüber dem Leben… und dem Tod…
Da war Ruhe extrem wichtig.

Nun darf das Fenster also wieder geöffnet bleiben, während ich schlafe…
Ist das ein weiterer Abschied? Nein – einfach nur schön… Es ist einfach so passiert… Wandel durfte stattfinden…

Ich stelle mich ans Fenster und atme tief ein… und aus… Hach, Leben!

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Foto: Pixabay

* Wusstest du, dass Verstorbene eine Weile zu Hause bleiben dürfen, bevor sie vom Bestattungsinstitut abgeholt werden? Bis zu 36h sind offiziell gestattet – es ist aber meines Wissens noch niemand verhaftet worden, der diese Frist überschritten hat und es gibt prominente Beispiele, die von einer längeren Aufbahrung berichten.

Frage beim Bestatter nach, wenn du unsicher bist – wenn du sicher bist, was du tun möchtest, dann frage nicht (wer viel fragt,… Und so ;0)

Es gibt zu dem Thema eine schöne Folge von „Talk about Tod“ vom Bestattungsinstitut Pütz-Roth. Hör doch mal rein…

Und: wusstest du, dass jemand, der im Krankenhaus verstorben ist, auch noch einmal nach Hause überführt und aufgebahrt werden darf?

Dieses Aufbahren ist sicher nicht jedermanns Ding – ich habe mich früher richtiggehend davor gegruselt und mich bei jeder Gelegenheit davor gedrückt. Heute empfinde ich es als seeeeehr wertvoll, auf diesem Wege Abschied zu nehmen. Und ich finde es wichtig, dass wir mehr und mehr solche Abschiede als natürlich akzeptieren (egal, ob wir es nun selbst tun würden oder nicht).

Wie immer: lass dich von Herz und Bauch leiten… ♥