Rezension: "Männer trauern anders" von Thomas Achenbach

Rezension: "Männer trauern anders" von Thomas Achenbach

Schon ganz zu Beginn meiner Bloggerinnen-„Karriere“ bin ich Thomas Achenbach begegnet. Unser Interview aus 2017 kannst du hier (*klick*) nachlesen.

Thomas ist Journalist und Trauerbegleiter und sorgt wie ich eifrig dafür, dass das Thema Trauer in der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit bekommt. Als Mann hat er einerseits möglicherweise einen anderen Blick auf Trauer – in jedem Fall hat er viel Erfahrung in der Begleitung von trauernden Männern und stellt seine Perspektive in seinem Buch wohl recherchiert und fundiert zur Verfügung.

Ich freue mich sehr, dass Thomas dieses Buch veröffentlicht hat – fragt man sich doch als Begleitende/r häufig, wie man denn trauernde Männer erreicht. Brauchen sie Begleitung? Brauchen sie vielleicht etwas ganz anderes?
Sind Männer wirklich „anders“? Ist nicht jede und jeder in ihrer/seiner Trauer per se individuell? Ja, schon. Und doch fällt doch gerade in der Trauerbegleitung auf, dass nur vereinzelt Männer an Gruppenangeboten teilnehmen. Der Frauenanteil in den Gruppen ist im Vergleich enorm hoch.
Dennoch stellt jawohl niemand in Frage, dass Männer auch trauern – oder?!

„Männer trauern anders – was ihnen hilft und gut tut“


Thomas zeigt in seinem Buch ein Verständnis für die männliche Art, mit Trauer umzugehen. Er verstrickt sich dabei jedoch nicht in eine klischeehafte Darstellung, sondern zeigt Möglichkeiten auf.

Wie ist es denn nun?

Es gefällt mir sehr, dass das Buch in thematische Kapitel aufgeteilt ist. So kann ich selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge ich lesen möchte – oder ob mich gerade ein Kapitel speziell interessiert.
Etwas irritiert haben mich die vielen Fußnoten. Diese zeugen aber von Thomas‘ sorgfältiger Dokumentation seiner Recherche. Vielleicht auch eine männliche Darstellungsweise?! ;0)

Im Buch finden sich zahlreiche Beispiele aus seiner Praxis als Trauerbegleiter. Sie holen das Thema nah heran und bieten Handlungsmöglichkeiten. Erwähnenswert finde ich auch, dass ein Kapitel auf das Thema Arbeitsplatz eingeht. So wichtig.

Fazit: Rundum viele Informationen, um den eigenen Blick zu weiten. Also tatsächlich „ein Buch, das hilft, trauernde Männer besser zu verstehen und zu begleiten.“
Eine wirkliche Bereicherung für die Trauerliteratur. Danke, Thomas!

Verlag: Patmos Verlag
ISBN: 978-3843611312


Kurzinterview mit dem Autor

Anja: Lieber Thomas, aus ganz privaten Gründen habe ich es erst jetzt geschafft, eine Rezi zu deinem Buch zu schreiben (Asche auf mein Haupt!). Gratuliert habe ich dir bereits, gelesen habe ich es mit Freude. Herzlichen Dank an dich und den Patmos-Verlag, dass ich ein Rezensionsexemplar erhalten habe!

Thomas: Also, mal ganz ehrlich: Die Frage, wieviel Asche da über wessen Haupt ausgestreut gehört, fällt aus meiner Sicht ziemlich ungünstig für mich aus. Ich habe es ja selbst noch nicht geschafft, etwas über Dein Buch in meinem Blog zu veröffentlichen. Und wo Du jetzt mein Buch rezensiert hast, wären an den Kopf geworfene Kohlestücke statt Asche sicher die angemessene Reaktion…

Okay… (Kohlestückewerfundlach)
Du hast nun mittlerweile einige Lesungen gehalten – ist das für dich anders als Workshops oder Vorträge?

Ehrlich gesagt: Ich habe noch gar nicht so viele Lesungen gehalten. Eine für Osnabrück geplante ist leider ausgefallen, jetzt in Paderborn steht wieder eine Lesung auf dem Programm. Ansonsten war ich viel mit Workshops und mit Vorträgen unterwegs. Und das ist jedes Mal was ganz Anderes. Bei Workshops lasse ich die Teilnehmer viel selbst erarbeiten und bin vor allem darum bemüht, die Energie im Raum zu managen – und dann im zweiten Schritt die Inhalte -, und bei Vorträgen ist immer spannend, wie sich am Ende die Diskussionen entwickeln. Ein Vortrag ist für mich selbst das am wenigsten Anstrengende – nach Workshops bin ich manchmal echt erschöpft. Das ist dann aber ein gutes Zeichen, dann war es eine gute Gruppe, die viel mitgemacht hat und ganz wissbegierig gewesen ist.

Ohja, das mit den Workshops kann ich gut nachempfinden (Vorträge habe ich bislang noch nicht gehalten). Da wünsche ich dir aber noch ein paar Lesungen – da ergibt sich meist auch noch ein anderer Austausch, finde ich.

Dein Buch ist nun fast 1 Jahr auf dem Markt – gibt es für dich neue Erkenntnisse, die du ergänzen würdest? Gibt es ein weiteres Buch?

Ich habe nach jedem Vortrag und nach jeder neuen Begegnung wieder neue Impulse mitnehmen dürfen, das sind sehr wertvolle Erfahrungen, für die ich sehr dankbar bin. Immer mal wieder bin ich in jüngster Zeit gebeten worden, Beiträge für Zeitschriften zu schreiben, entweder aus dem Hospizsektor oder einmal sogar aus dem Bereich Psychologie und systemische Beratung. Da merke ich dann, wie diese neuen Erfahrungen in die Texte mit einfließen. Das ist alles ein Prozess. Würde ich das Männerbuch jetzt nochmal schreiben, wäre es schon an manchen Stellen ein anderes. Ein zweites Buch wird es geben, allerdings zu einem anderen Thema, nämlich Trauer am Arbeitsplatz. Ich hatte die Ehre, diesmal für den Campus-Verlag schreiben zu dürfen – das kommt am 11. März raus („Mitarbeiter in Ausnahmesituationen –  Trauer, Pflege, Krise“). Mit kleinem Augenzwinkern gefragt: Willst Du ein Rezensionsexemplar?

Uuunbedingt! Ja, bitte! Das Thema finde ich hochspannend und es ist so wichtig, dass sich da was tut – wie schön. Petra Sutor veröffentlicht auch zu dem Thema, dann gibt es gleich doppelten Sachverstand auf dem Büchermarkt. Ich bin begeistert!
Sag mal, so von Autorin zu Autor – hast du immer ein Buch dabei, um es bei Bedarf zu zücken?
(lach)

Da juckt es mir in den Fingern, die Gegenfrage zu stellen: Hast Du denn? Also, ich bin ziemlich oft ohne mein Buch unterwegs, wenn ich so mal kurz darüber nachdenke…

Hm, das Buch eher selten, aber ich habe in der Regel Flyer in der Tasche – nur denke ich meist im Gespräch nicht dran oder traue mich nicht… Da kann ich vielleicht noch dran arbeiten, hihi.

Sag mal, eine Frage habe ich noch, die mich brennend interessiert, aber vielleicht ein wenig heikel ist…: Ist das Absicht gewesen, das Buch so zu nennen wie das eines anderen Trauerbegleiters?!?

Das ist eine wichtige Frage, die sich viele stellen. Ich bin mit allem, was der Patmos-Verlag entschieden hat – übrigens auch mit dem Lektorat, das ich erfahren durfte – in höchstem Maße einverstanden. Bei der Frage nach dem Titel hatten wir „Männer trauern anders“ immer nur als Arbeitstitel stehengelassen. Als es am Ende um die Frage ging, wie das Buch nun wirklich heißen soll, wollte der Verlag den Titel am liebsten stehenlassen. Ich habe dann darauf aufmerksam gemacht, dass es bereits zwei Bücher mit gleichem Titel gibt – das von der Psychologin Elizabeth Levang aus dem Herder-Verlag, gibt es derzeit nur antiquarisch, und das im Selbstverlag herausgegebene von Martin Kreuels. Daraufhin hat Patmos noch einen Untertitel ergänzt. Mein Buch heißt ganz korrekt „Männer trauern anders – was ihnen hilft und gut tut“. Martin Kreuels war damit verständlicherweise nicht so wirklich einverstanden, aber wir haben das auf der Messe Leben und Tod dann besprechen können, dafür war ich dankbar. Ich bin zwar diesmal das erste Mal mit etwas Magenzwicken zur Messe gefahren, aber es war gut und wertvoll, diese Chance auf dieses Treffen zu haben. So kam das.

Siehst du – gut, dass ich mich getraut habe, die Frage zu stellen. Danke!
Danke auch für dieses Interview. Ich habe mich sehr gefreut, dass du dir die Zeit genommen hast.
Bleibt mir jetzt, deinem Buch einen guten Weg in die Welt zu wünschen – möge es viele erreichen!!!

Thomas Achenbach (Foto von Stefanie Hiekmann)

(c) Stefanie Hiekmann

Lesung am 24.03.2020

Lesung am 24.03.2020

Ich freue mich total, dass ich nach einer selbstverordneten Pause wieder „live“ unterwegs sein kann!


Dienstag, 24. März 2020
ab 19.30 Uhr

TeeGschwendner
Königstraße 58, 23552 Lübeck


Diese Lesung wird begleitet von duftenden, wohltuenden Teesorten im schönen Ambiente von Tee Gschwendner.
Harald Maiers serviert zum Buch und Anlass passende Teevarianten – das wird also ein Genuss für Gaumen und Ohren…!

Am Büchertisch der Buchhandlung Belling kann in Ruhe gestöbert werden – Finn-Uwe Belling ist in Lübeck der „vor-Ort-Partner“ des Kilian Andersen Verlag (hier sind alle Bücher des Verlags vorrätig und können direkt mitgenommen werden).

Der Eintritt ist frei – wer eine Spende in die Teekanne werfen möchte, darf das gerne tun.

Die Platzzahl ist begrenzt, wir bitten daher um Anmeldung per E-Mail (bitte möglichst nicht auf anderen Kanälen, damit ich eine Chance habe, den Überblick zu behalten)

Anmeldung: untroestlich.blog(at)gmx.de
…das (at) dabei durch @ ersetzen ;0)

In diesem Moment…

In diesem Moment…

Jedes Jahr erneut finde ich es schwierig, den Jahreswechsel zu feiern. Als eher trockenhumorig veranlagte Sprotte fällt es mir per se schon schwer „auf Knopfdruck lustig“ zu sein und quasi gezielt lustig auf eine Veranstaltung zu gehen (im Spontanfeiern bin ich hingegen ganz groß ;0).
Feste Termine wie eben Silvester sind solche Veranstaltungen, die mir irgendwie auf den Zeiger gehen – es wird gefeiert, ob „man“ will oder nicht.

Dabei sind wir doch alle groß und mündig genug, um für uns zu entscheiden, wann und mit wem wir feiern mögen… Und auch wie fröhlich diese Zeit verbracht wird – es liegt bei uns.

Manchmal vergesse ich diese Mündigkeit und fühle mich unter Druck gesetzt…
Spätestens im November kommen doch die ersten Fragen:

„Und?! Was machst du Silvester?“

…und zu dem Zeitpunkt will ich das noch gar nicht beantworten – und doch: den richtigen Zeitpunkt, um eine Feier zu bekommen, wie sie mir liegt – den mag ich nicht verpassen…

Ist das nun ein „Trauer-Phänomen“?! Nee, ich fand Silvester schon immer ziemlich doof und anstrengend.
Allerdings hatte ich in Partnerschaft stets die Wahl: Feiern oder gemütlich zu Hause bleiben… Nie musste ich in Betracht ziehen, alleine zu bleiben, denn ich war ja

Teil eines „Wir“

Mit dem Tod des Partners (oder der Partnerin) endet dieses „Wir“ abrupt und neben dem Schmerz des Verlustes stellt sich die Frage nach einer neuen Rolle: wer bin ich, wenn ich nicht mehr „die Frau von…“ bin?!
Dann kommt hinzu, dass Parties wie Silvester dafür prädestiniert zu sein scheinen, sie als Paar zu verbringen.

Bist du auf eine Feier eingeladen? Fühlt es sich an, als seist du der einzige Gast, der alleine kommt? Ich kann das Gefühl so gut nachvollziehen…
Fritz kommt mit Frieda, Hein und Kuddel sind auch als Frischverliebte dabei, Hans und Rita das alte Ehepaar, Gundel und Gundula glucken wieder den ganzen Abend zusammen,… Pärchen, Pärchen, Pärchen,…
Früher, ja früher warst du Teil eines Paares unter vielen… Seufz…

Aaaber hast du „damals“ auch XY gesehen, die alleine dazu gekommen ist? Sah sie glücklich aus? Hat sie ganz selbstverständlich mitgefeiert? Oder war sie eher bedrückt und wirkte, als fühle sie sich unwohl…? Hast du dich zu ihr gestellt und dich mit ihr unterhalten, gelacht, ernst geredet,…?
Ist es in deinem Freundeskreis selbstverständlich, dass jeder so willkommen ist, wie er eben gerade ist?

Also: es liegt an deinem Umfeld, an deiner Wahrnehmung, es liegt an deiner Einstellung, deiner Laune, deiner Stimmung,… Vielleicht fühlt sich das unkontrollierbar an, aber das ist es keineswegs: du hast es in der Hand!

Wäge doch in Ruhe für dich ab: möchtest du feiern? Ja/nein? Wenn ja: in welcher Gesellschaft fühlst du dich aufgehoben/getragen? Oder magst du alleine für dich feiern? Wenn nein: was tut dir gut? Kannst du den Abend gut alleine verbringen oder brauchst du eine Art „Backup“, falls es dir doch schlecht geht? Das Wichtigste aus meiner Sicht ist eine gesunde Selbstfürsorge…

Ich habe das erste Silvester ohne Andreas alleine verbracht. Es gab etwas Leckeres zu essen, Fernsehen und dann früh zu Bett. Ich wollte diesen Zauber nicht mitfeiern. Ich habe es gehasst, dass die anderen fröhlich gefeiert haben – dabei spürte ich einfach nur bodenlosen Schmerz und Vermissen. Trotzdem war es für mich die richtige Entscheidung, mich zurück zu ziehen.
Ich möchte dir gerne ans Herz legen, dass du genauso für dich prüfst, was für dich richtig ist.

Bei allem Tamtam um den Jahreswechsel… Der 31.12. ist doch trotzdem einfach

Ein Tag wie jeder andere…

Das Zählen der Tage ist menschenerdacht, nicht per se gegeben… Und in anderen Kulturen wird ein anderer Tag gefeiert…

Ob nun heute oder an einem anderen Tag: Wenn dieser vergeht, beginnt ein neuer Tag, eine neue Möglichkeit!
Macht dir das neue Jahr Bammel? Es ist auch „nur“ ein Tag nach dem anderen aneinandergereiht. Aufstehen, durchhalten, überleben,… Und mit jedem neuen Tag darf neues Leben zu dir kommen – du schaffst das!

Ich verbringe diesen Abend in Lieblingsgesellschaft. Dort bin ich willkommen, wie ich bin: fröhlich, nachdenklich, traurig, enthusiastisch, lachend, weinend,…

Um Mitternacht bin ich voraussichtlich am Meer und proste dir von dort aus zu:

Lass das Licht in dir scheinen…

Leuchtend hell oder zart und zögerlich… Ich werde dich sehen und dir gute Wünsche schicken – kannst du es spüren?!

…in diesem Moment!

Ein Licht…

Ein Licht…

In vielen Zimmern brennen heute nicht nur zwei Kerzen – schließlich ist heute der zweite Advent – eine weitere steht ab 19 Uhr im Fenster und leuchtet in die Welt… Wie jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember gedenken wir der Kinder, die zu früh verstorben sind…

Heute ist wieder Worldwide Candle Lighting Day – auf den habe ich bereits vor zwei Jahren aufmerksam gemacht:

*klick* Ein Licht geht um die Welt…

Ich stelle heute Abend erneut ein Licht ins Fenster… In Gedanken erweitere ich den Gedenktag nämlich immer ein wenig für mich: ist doch schließlich jeder schmerzlich vermisste Verstorbene Kind von jemandem…
Und erneut erfüllt mich Sehnsucht danach, über die Welt zu fliegen und dem Lichtermeer zu folgen…..

Kerzentiere

Gaaanz ganz besonders zauberschöne Grafiken von Melanie Garanin passen ganz wunderbar zu diesem Tag! Melanie hat nach dem Tod ihres Sohnes Nils angefangen, diese Kerzentiere zu zeichnen… Mittlerweile gibt es 365 davon – für jeden einzelnen Tag des Jahres eines.

Das Licht ist so wichtig, wenn man in dieser dunklen Traurigkeit ist. Denn man lebt ja und versucht, die Tage wieder hell zu machen.

(Melanie Garanin auf ihrer Website: https://melaniegaranin.com/kerzentiere/)

Ich finde, nicht nur das Kerzenleuchten soll heute um die Welt gehen, sondern auch Melanies Kerzentiere – daher mag ich ihren Blogbeitrag teilen:

*klick* zu Melanies Blog

Ihr findet dort einen Link, über den ihr bis Montag früh (9.12.2019) ihre Kerzentiere anschauen und auch herunterladen dürft. Ein zauberhaftes Geschenk von ihr, oder? Bitte beachtet vor dem Download die Regeln, die sie zur Verwendung vorgibt!

Ich konnte mich kaum entscheiden, welches mir am besten gefällt… Aber der Lemur rührt mein Herz am meisten:

Nummer 312: der Lemur
Kerzentiere von (c) Melanie Garanin – ein Ausdruck ihrer tiefen Trauer um Sohn Nils

Was für eine tolle Ausdrucksform für Trauer – traurig, (irr)witzig, rührend, wütend, lustig, verzweifelt… Wie viele Facetten hat die Trauer wohl… Unzählige, oder?

Leuchtet auch bei dir heute ein Licht? Wen vermisst du…?

Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay

PS: diesen Blogbeitrag kann man ganz vielleicht als Werbung verstehen – die erfolgt aber unbeauftragt und unbezahlt aus Überzeugung ;0)

Fünf…

Fünf…

Mein Kalender sagt, es sei heute 5 Jahre her… Im Bootcamp habe ich irgendwie das Gefühl für Zeit vergessen – doch selbst wenn nicht: könnte ich wirklich begreifen, dass du vor 5 Jahren gestorben bist?! Ist das ein „schon so lange“ oder eher ein „erst“? Da ist wieder dieses „Gummiband“-Gefühl. Aber egal, ob das Gummiband bis kurz vor dem Zerreißen gespannt ist oder einfach locker herumwackelt… Du fehlst! Hier und heute. Schmerzhaft…

Jedoch: Es hat sich tatsächlich gewandelt… Wandeln dürfen… Dieses Vermissen-Gefühl.
Anfangs war da dieser unbändige, atemraubende Schmerz. Ein körperliches Reißen, eine alles mit sich reißende Trauerwelle… So stark und überwältigend, dass ich dachte, das könne nie vorüber gehen.
Auch heute läuft mir eine Träne (mindestens… naja, nee, eher mehrere…), während ich schreibe. Dein Tod lässt mich weiterhin fassungslos innehalten. Aber die Trauer ist heute ein wärmender Mantel, in den ich mich kuscheln kann. Ja, es tut weh, dass du nicht mehr lebst… Aber der Schmerz hat sich in ein Sehnen verwandelt. Sehnsucht nach dem, was war. Nach dir und dem, was du für mich warst…

„Mitten aus dem Leben gerissen“

Das passt nicht nur zu deinem Leben, das viel zu früh endete. Nein, es passt auch zu meinem Leben. Ich war 41 und fühlte mich angekommen bei dir und mit dir. Eigentlich dachte ich, unser gemeinsames Leben wäre mein Ruhepol – Abenteuer und Action und Drama findet um uns herum statt, aber es gibt immer diesen Menschen, in dessen Armen ich mich geborgen fühlen darf. Mein Fels in der Brandung… Beinahe von jetzt auf gleich fliegt mir mein Leben um die Ohren… Der Fels: explodiert… Auch ich: mitten aus dem Leben gerissen.

Solch ein Fels in der Brandung wie du für mich gewesen bist – so einer liegt nun als Markierung an deinem Grab im Ruheforst. Aus dem Bauch heraus habe ich damals entschieden, dass dieser große Findling besser passt als ein Baum. Die Parallele dazu ist mir aber erst heute aufgegangen…

Stellvertretend für dich strahlt er auf mich eine wohltuende Ruhe aus. Ein paar Blütenblätter habe ich dir heute mitgebracht… Eine Kerze brennt im Windlicht (das kommt natürlich wieder mit heim)… Gedanken, Sehnsucht und Erinnerungen wehen durch die restlichen Blätter an den Bäumen… Mein Bild von dir ist sehr präsent – dachte ich jedenfalls…

Erinnerungen…

Als ich neulich in der Küche eine Kiwi löffelte, hat sich meine Mutter sehr über mein „die-Kiwi-ist-verflixt-sauer“-Gesicht amüsiert. „Die hätte Andreas mal essen sollen. Was meinst du, wie er geschaut hätte?! Er mochte doch nichts Saures.“

Ich war total überrascht und auch ein wenig erschreckt, dass ich das nicht mehr weiß… Ich kann mich nicht daran erinnern… Vergesse ich nun doch immer mehr von dir? Verschwindest du nach und nach aus meiner Erinnerung?!
Aber dann geht mir auf: nein, ich habe lediglich andere Erinnerungen mit dem „wertvoll“-Stempel markiert und abgespeichert. Nun freue ich mich, dass mir diese zusätzlichen Erinnerungen quasi geschenkt werden… Und ich erkenne auch: du warst für jeden Menschen, der dir begegnet ist, ein wenig anders… Jede Begegnung war voller Facetten deiner Persönlichkeit – spannend, dass jede und jeder so ein anderes Bild von dir gewonnen hat.

Mein Bild von dir ist fest in meinem Herzen…

An der Steilküste mit Blick aufs Meer ist es, als wehe der Wind eine Erinnerung von dir herüber… Oder bist das du? Ich lehne mich an dich und schicke dir meine Gedanken:

„Schau mal… Schön hier!“

Silberwasser, Buchenlaub und Muscheln,… Ruhe im Innern… RuheForst am 17.11.2019 (pic: Anja Pawlowski)
Bilder…

Bilder…

Meine Handy-App zeigt mir neuerdings immer Bilder, die ich am gleichen Tag vor X Jahren geknipst habe… Bislang waren das immer Fotos vom letzten oder vorletzten Jahr… Schöne Erinnerungen irgendwie. Fotografiert habe ich ja meist das, was ich schön finde, was toll war – nicht das, was dumm gelaufen ist oder schmerzt.

Heute… Jaaa, heute war es irgendwie anders. Vor einem Jahr hatte ich Urlaub, das war schön… Vor zwei Jahren war auch ein schöner Tag… Herrlich!

Und vor 5 Jahren?!

Seufz… Noch tiefer seufz… Da war ein ganz besonderer Tag, den ich für immer in meinem Herzen trage. In 2014 war dieser Oktobertag wie im letzten Jahr tatsächlich auch noch sehr sommerlich. Die Sonne schien, es war warm und trotzdem wehte ein Hauch von Herbst durch die Luft.
Die Sonnenstrahlen haben mir das Gemüt erhellt. Das tat gut, denn die Tage vor diesem Datum waren einfach schlimm gruselig… Seit dem 10. Oktober war ja meine Welt eine andere und die Angst um Andreas mein täglicher Begleiter…
Somit hatte die Sonne eine besonders große Herausforderung, uns diesen Tag zu erhellen – aber sie schaffte es. Andreas war durch Medikation und Pflege einigermaßen „er selbst“ und war zu Hause. Um das schöne Wetter zu genießen, sind wir ans Meer gefahren.

Leckeres Essen mit Blick auf die Ostsee im Lieblingsrestaurant am Meer… Entspannte Gespräche, ruhiges Schweigen,… Die Angst hatte Pause.
Händchenhaltend an der Wasserkante laufen, sogar eine Weile Arm in Arm im Sand liegen,… Ich habe mir spontan die Hose hochgekrempelt und bin ein Stück im Meer gelaufen – die Füße im Wasser (ja, es war durchaus ziemlich kalt ;0) habe ich das Leben sehr stark gespürt und mich dem Himmel sehr nah gefühlt… Und das wohlgemerkt trotz dieser monströs schweren Zeit drumherum…

Ganz tief seufz…

Tjaaa,… Noch viel tiefer seufz… Das war dann auch der letzte gemeinsame leichte Tag. Es folgte eine Zeit, die enorm bis übermenschlich kraftzehrend war.

Einen Teil meiner Erinnerung an den 19.10.2014 teile ich auf diese Weise mit dir – es ist für mich die stärkste Metapher für „lebe den Moment“. Auch in der schwersten Zeit deines Lebens gibt es sicher solche Momente, die (wenn auch nur kurz) einen Lichtstrahl schicken und Kraft spenden. Ergreife sie, halte sie fest und nutze die Kraft, die sie bringen für dich.

Heute hat meine Trauer mir noch einmal „guten Tag“ gesagt… Mit einem „MOIN“ hat sie sich neben mich gesetzt und den Arm um mich gelegt… Ja, sie kam mir tatsächlich wie eine gute Freundin vor!
Natürlich, es schmerzt, dass diese Erinnerungen unwiederbringlich vorbei sind. Und doch: es ist so bereichernd, dass ich sie erleben durfte und auch im Herzen abrufbereit aufbewahrt habe…

Ich fühlte mich den ganzen Tag hin- und hergerissen zwischen Traurigkeit und Glück – und ich habe das einfach zugelassen und ausgehalten. Das tat gut. Hm, und irgendwann kam dann der Impuls, dass ich diesen Tag gerne mit dir teilen möchte. Somit kommt „Post“ von mir trotz Bootcamp-Auszeit… Auch schön, oder?

Meine Trauer und ich gehen heute Abend was Leckeres essen… Und machen es uns gemütlich… Schön, dass sie da ist