…ein Stück untröstlich

…ein Stück untröstlich

Oh, wie schön, dass du hier bist: Herzlich willkommen auf meiner Seite!

Ich bin Anja (44) und lebe im schönen Norden an der Ostseeküste als „lübsche Sprotte“ (in Kiel geboren hat es mich auf meinem Weg nach Lübeck verschlagen).

„untröstlich“… Klingt das nicht furchtbar deprimierend?!? Nein, ich finde nicht. Ich habe mich Stück für Stück und Schritt für Schritt durch meine Trauer gekämpft. Ein Teil von mir kann nicht geheilt oder glattgebügelt werden. Eine Lücke bleibt… Und das darf so sein und bleiben – macht es mich doch zu der Person, die ich heute bin.

Ich bin stark und mutig, ich bin herzlich und positiv… Ja, ich bin lebensfroh. Aber bei all‘ der Stärke und Leichtigkeit, die in mein Leben kommen durfte:

Ich darf ein Stück untröstlich bleiben!

Dieser Satz ist für mich der größte Schatz, den ich während meiner Trauerarbeit erspürt habe.

Also, was ist mein Anliegen in diesem Blog? Du ahnst es… Hier soll es um Tod und Trauer gehen, aber auch um das Leben und Lebensfreude. Dies ist mein Beitrag dazu, dieses tabuisierte Thema aus seiner dunklen Ecke zu holen. Darüber offen schreiben und sprechen zu können, empfinde ich als befreiend – vielleicht geht es dir ähnlich? Der Tod hat mich das Leben gelehrt und ich möchte zeigen, dass der Tod uns keine Angst machen, sondern eher das Leben selber spüren lassen sollte, solange es geht.

„Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muß man leben.“
(aus „Memento“ von Mascha Kaléko)

Ich für meinen Teil habe diesen Blog ins Leben gerufen, weil ich mit dem Tod meines Mannes im November 2014 leben muss. Andreas‘ Tod hat mich so richtig aus der Bahn gekegelt, meine kleine Welt stand Kopf und es hat mich harte Arbeit gekostet, mich neu zu sortieren und Lebenslust zu finden. Ein paar Gedanken dazu findest du auf „Dein Tod und ich“ Ich danke an dieser Stelle ganz herzlich Judith Peller, die diese Plattform ins Leben gerufen hat und Silke Szymura, die sie von Judith übernommen hat – danke, dass ihr mir diese Möglichkeit der Veröffentlichung geöffnet habt!

Ich habe es geschafft! Ich habe überlebt! Es wäre vermessen zu behaupten, dass ich nicht mehr trauere. Aber ich habe mich neu gefunden, meine Welt neu zusammengesetzt und gestaltet. Die Trauer bleibt ein Teil von mir, aber nicht belastend, sondern wie ein Schatz – denn ich darf in meinem neuen Leben eines bleiben:

…ein Stück untröstlich!

Diese Seiten hier werde ich (recht egoistisch, muss ich zugeben) für mich nutzen – meine Gedanken äußern und mich öffnen. Wenn ich es aber schaffe, dich damit zu bewegen, auch dich ein Stück weit zu öffnen, Kommentare zu hinterlassen und oder auf anderem Wege mit mir ins Gespräch zu kommen: super! Ich freue mich darauf!

Eine weitere Herzensangelegenheit ist es für mich, dir zu zeigen „du bist nicht alleine“. Es ist glücklicherweise nicht die Regel, dass man früh in seinem Leben Witwe oder Witwer wird – aber es passiert deutlich häufiger, als ich je gedacht hätte. Zu Beginn meiner Trauerzeit habe ich mich als „Sonderfall“ empfunden. Nach und nach habe ich viele Frauen und auch Männer kennengelernt, die ein ähnliches Schicksal tragen müssen. Mit meinen Texten möchte ich einerseits berichten, wie es mir ergangen ist oder ergeht – andererseits teilen, wer oder was mir geholfen hat auf meinem Trauerweg.

Ich bin gespannt, wohin diese Blog-Reise führt…

© Martine Blankenburg

Kurzmitteilung

Wow…

…ich bin gerade total glücklich!

Auf unterschiedlichsten Wegen erreichen mich so viele schöne Rückmeldungen zu meinem Blog, dass ich mal ein kurzes aber seeeeehr herzliches

DANKESCHÖN ♥

an euch schicken mag.

Es ist toll, dass ich augenscheinlich nicht einsam und alleine auf meinem Blog vor mich hinschreibe… Herzlichen Dank für all‘ euer Feedback – direkt oder indirekt gegeben… Ich freue mich tota!!!

cloud-600224_1920
Quelle: Pixabay
…eine KURze Auszeit

…eine KURze Auszeit

Immer an Jahrestagen kommen Erinnerungen – in diesem Fall sind sie schön und mit einem Lächeln verbunden… Es ist nun etwas über 1 Jahr her, da war ich zur Kur.
Ich habe den Aufenthalt dort als sehr wohltuend und aufbauend empfunden und möchte daher eine Empfehlung aussprechen, im Trauerfall auf diesem Wege Kraft zu tanken.

Vorneweg: nein, Trauer ist keine Krankheit und es ist nicht möglich, mit einer Kur irgendetwas zu „heilen“. Aber ich kenne es von mir und habe es auch von vielen anderen Trauernden gehört, dass die Trauer extrem anstrengend ist und nicht nur die Seele, sondern auch der Körper sich im Ausnahmezustand befindet.

Schwerpunktkur Trauerbegleitung

Es gibt Kuren für Trauernde als ReHa (Antragstellung über die Rentenversicherung) oder als Vorsorge (Antragstellung über die Krankenkasse). Es ist nicht leicht, eine passende Klinik mit dem passenden Angebot zur passenden Zeit zu finden… Und dann als nächste Hürde so eine Kur genehmigt zu bekommen… Es lohnt sich aber, sich die Mühe zu machen, einen Antrag zu stellen!
Meist denkt man ja an eine Kur erst, wenn man eh schon auf dem Zahnfleisch läuft… Wenn also selbst die Antragstellung als ein schier unbezwingbarer Berg vor dir liegt: hol dir Hilfe, suche dir Unterstützung. Häufig sind Freunde und Bekannte im Umfeld hilflos und traurig, dich trauern zu sehen – hier können sie tatkräftig unterstützen. Du musst dich „nur“ trauen, zu fragen.
Wichtig: stellt die Last und den Druck im Antrag und beim Doc (für das Attest!) auch so dar, wie es tatsächlich ist – hier ist mit „ach, es geht schon“ oder „naja, sooooo schlimm ist es nun auch wieder nicht“ niemandem geholfen.
Auch falls beim ersten Anlauf eine Absage kommt: lege Widerspruch ein und setz‘ dein Interesse und Bedürfnis durch. Es lohnt sich!

Für mich habe ich eine passende Schwerpunktkur gefunden. „Bleibt alles anders“ wird als Vorsorgekur in der Klinik Sellin auf Rügen angeboten. Ich kann dieses Haus wärmstens empfehlen!
Die Klinik ist eine Mutter/Vater-Kind-Einrichtung und ganz schön groß – in unserem Schwerpunkt für Verwitwete waren wir aber nur zu 8 (+ die dazugehörigen Kids).

Die Therapiestunden, die für die Erwachsenen und separat für die Kinder klinikseitig angeboten werden, sind gar nicht sooo umfangreich. Aber der Austausch beschränkt sich nicht nur auf diese offiziellen Zeiten, sondern findet auch außerhalb der Anwendungszeiten statt. Unter Gleichgesinnten spricht es sich leichter – man weiß, worüber man spricht. Man kennt ähnliche Tiefen und Dunkelheiten, das Verständnis füreinander ist „einfach so“ da. Das ist einfach Gold wert!

Hach, ich erinnere mich gerade besonders an „meine Truppe“, mit der ich so viel geteilt habe – ihr wisst, dass ihr gemeint seid: Schön, dass es euch gibt ♥

Für 3 Wochen mal raus aus dem gewohnten Umfeld… Kein Haushalt, kein Essen kochen – sich ein wenig betüdeln lassen… Ja, und auch Orte mit schmerzlichen Erinnerungen für eine begrenzte Zeit hinter sich lassen.

Was ich auch wichtig finde: während der Kur kommt der eigene Körper auch mal wieder ins Bewusstsein… Sport, Bewegung, Entspannung (!), Massagen, und und und… Wer trauert, tut das meist mit Haut und Haar, Leib und Seele – mit der Seele ist man meist dauerhaft beschäftigt, aber der Körper ist irgendwie „deaktiviert“, wie betäubt, um die Schmerzen aushalten zu können, oder? Dadurch, dass man mit den Ärzten dort seine Anwendungen abstimmt, wird man daran erinnert, sich mit seinem Körper auseinander zu setzen – ihm Gutes zu tun, ihn wieder ein Stück weit besser zu spüren…

Bitte nicht vergessen: bei all‘ den Vorteilen, die eine Kur mit sich bringt – es gibt auch Schattenseiten… Stelle dir beispielsweise einen Speisesaal vor, in dem so ca. 200 Menschen zur Abendbrotzeit versuchen „ganz in Ruhe“ eine Mahlzeit zu sich zu nehmen ;O)
Wo viele Menschen aufeinandertreffen, braucht es auch mindestens ebensoviel Toleranz.
Es liegt mit bei dir, was du vom Kuraufenthalt für dich „mitnehmen“ kannst. Eine positive Einstellung hilft – und auch, den Aufenthalt dort als Bonuszeit zu verstehen.

Empfehlungen?

Hast du vielleicht auch gute Erfahrungen mit einer Kurklinik gemacht? Oder hast du anderweitig tolle Unterstützung bekommen oder kennst du Therapieangebote, die du teilen magst?
Ich ergänze gerne eine Liste – wünsche mir allerdings eine „Positiv-Liste“ (das soll bitte keine schwarze Liste der gruseligsten Erlebnisse werden ;O)

Alles, was hilft und gut tut: her damit!

relax-2328372_1920

Empfehlungen!
Kurkliniken / Therapieangebote mit Schwerpunkt „Trauer“

 

Ein Stern…

Ein Stern…

…auweia. Andreas würde mich erschießen, wüsste er, dass ausgerechnet dieses Lied für mich so unauslöschbar mit ihm verbunden ist. Ja, es gibt sicher coolere Lieder, anspruchsvollere Texte und großartigere Melodien… Tut mir leid, ich kann es nicht ändern ;0)

„…der deinen Namen trägt…“

(Ohnein… es geht nicht mehr weg!!!)

Dieses Lied lief halt häufig in unserer Kennenlernzeit und es erinnert mich an eine wunderbare, unbeschwerte Zeit in meinem Leben. Wir hatten uns gerade gefunden und hatten dieses Unbesiegbarkeitsgefühl frisch Verliebter. Alles war schön und leicht, wir haben die gemeinsam verbrachten Stunden in vollen Zügen genossen – was bitte sollte unser „für immer“ durchkreuzen?!? Wir hatten nicht mal den Ansatz einer Ahnung, was da auf uns zukommen sollte…

Und das war gut so!

Denn was hätte es uns gebracht, zu wissen, dass wir nur 7 ½ Jahre gemeinsam haben würden? Bestenfalls hätte es uns die schönen Stunden noch intensiver leben, Streitigkeiten weniger wichtig nehmen lassen – aber ehrlich: wäre das mit einer im Nacken lauernden Angst möglich gewesen? Natürlich habe ich mich so manches Mal gefragt, ob ich mir diesen Streit oder jene Auseinandersetzung nicht hätte sparen können… Nein, zu der Zeit war das genau so wie es war, wichtig und somit richtig.

Dieser Gedankenansatz hat mir an einer Stelle nach Andreas‘ Tod sehr weitergeholfen.

Vorwürfe… Wut…

Bei mir kam die quälende Frage auf, ob die Ärzte nicht hätten früher besser diagnostizieren können… Du kannst dir sicher vorstellen, wie einen diese Frage belasten kann! Ein gutes halbes Jahr vor seinem Tod haben die Ärzte aus heutiger Sicht eine Fehldiagnose gestellt. Warum hat niemand zu der Zeit seinen Kopf untersucht?!? Sein Hirntumor muss bereits zu der Zeit schon unübersehbar existiert haben. Wenn man ihn dann gefunden hätte – hätte man noch operieren können? Hätte man den Tumor komplett entfernen können, hätte Andreas eine reelle Chance gehabt, weiterzuleben? Hätte… hätte… hätte… Das hat mich echt wütend gemacht: Warum hat niemand genau genug hingeschaut? Ergänzt habe ich diese quälende Fragerei durch Selbstvorwürfe: ich habe gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass die Diagnose nicht stimmt, habe drohende Gefahr gefühlt… Warum habe ich nicht darauf bestanden, dass er weitergehend untersucht wird…? Puh, auch nach all‘ der Zeit sind diese Gedanken präsent und tonnenschwer…

Die einfache Antwort lautet: es ging nicht um mich. Es ging hier um Andreas‘ Körper und Leben – und wer bin ich, dass ich über jemand anderen bestimmen dürfte? Er hat den Ärzten vertraut und mir Vertrauen vermittelt: „alles wird gut“… Und ich habe das natürlich von Herzen gerne geglaubt.

Hätte… hätte…

Hätte man den Tumor früher entdeckt und operiert: wir hätten vielleicht Zeit geschenkt bekommen. Gemeinsame Zeit – oh, das erscheint vorerst unendlich kostbar… Und doch: diese Zeit wäre doch von vornherein dauerbelastet gewesen. Wir hätten jederzeit mit der Angst leben müssen, dass der Krebs zurückkehrt oder wächst – kann man diese Zeit dann wirklich genießen?
Ich bin sicher, wir hätten einen guten Weg für uns gefunden – aber ehrlich: ich bin sehr froh, dass ich niemals in der Situation war, hierüber eine Wahl zu treffen. Kurz und schmerzvoll oder lang und quälend?!? Bei dieser Wahl kann man doch nur verlieren… Die Antwort bleibt: der Tod.

Tja… Aber was mache ich mit dieser Wut im Bauch? Dieser Verzweiflung, dass die Ärzte falsch diagnostiziert haben?!? Wieder hat mir das Schreiben aus der „Patsche“ geholfen: ich habe ca. 1/2 Jahr nach Andreas‘ Tod dem damals zuständigen Chefarzt geschrieben… Mit derben Beschimpfungen, für die mir der Mund mit Seife hätte ausgewaschen werden müssen… So richtig unter der Gürtellinie… Alles raus aus mir, was drückt… Oh, tat das gut!!!

Äh… Diesen Brief habe ich nie verschickt… Er war eigentlich nur für mich… Er hat mich erleichtert und Klarheit gebracht:

Es ist, wie es ist… Und das ist gut so. Jeder hat zu seiner Zeit sein Bestes gegeben und das getan, was zu der Zeit sinnvoll und richtig schien.
Eine hart erkämpfte Lehre – aber für mich die einzige Art und Weise, damit umzugehen.

»Wenn du nachts den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können!«

Und er lachte wieder.

»Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen. Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, gerade so, zum Vergnügen… Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, dass du den Himmel anblickst und lachst. Dann wirst du ihnen sagen: ‚Ja, die Sterne, die bringen mich immer zum Lachen!’«

(Antoine de Saint-Exupéry „Le petit prince“)

Dieser Text ist zwar viel zitiert, aber irgendwie schöner als der im Stern-Song, oder?

Schafft man es, seinen Frieden zu machen mit dem, was geschehen und auch mit dem, was nicht geschehen ist – dann kann man hochschauen zum Himmel und einen Stern sehen, der einem zuzwinkert…
Ich lasse mich gerne schräg anschauen, wenn ich dabei mal ohne ersichtlichen Grund lachen muss – du weißt ja, warum ;0)

 

Wie ist es bei dir? Gibt es in deinem Leben quälende Fragen, die du zurückbehalten hast, oder hast du einen guten Weg gefunden, Frieden zu finden?

starry-sky-1775745_1920
Quelle: Pixabay

 

Abenteuer Gefühle…

Abenteuer Gefühle…

Heute möchte ich über Gefühle schreiben…
Schwupps, habe ich mir alle männlichen Zuleser aus dem Blog gekegelt (oh, wie schön, dass ich so herrlich vorurteilsfrei bin, oder? – belehrt mich eines Besseren, sollte nur ein dummer Witz sein ;0)…

Was mich umtreibt ist, dass ich den Eindruck habe, als hätte mir die Trauer eine Hautschicht abgetragen. Ich bin dünnhäutiger, feinfühliger – äh, und ich empfinde mich dabei nicht als jemand, der jemals in seinem Leben besonders dickhäutig und oberflächlich gewesen wäre…

Es fühlt sich an, als habe ich bisher gar nicht meine volle Bandbreite an möglichen Emotionen ausgenutzt. Kann das sein? Vielleicht ist aber das Bewusstsein jetzt einfach ein anderes.

Im Fahrstuhl…

Ich habe nun schon einige Tiefs in meinem Leben durchgestanden, aber die Trauer hat mich in ein Tief geschmissen, das ich so noch nie erlebt habe. Man meint, mit dem Tod des so ans Herz gewachsenen Menschen sei man am absoluten Tiefpunkt… In den Tagen und Wochen nach dem Tod merkt man aber: es geht noch tiefer… Es ist ein wenig wie in einem Fahrstuhl, der nur nach unten fahren kann. Ab und zu hält er an: es gibt Momente, die den Gedanken aufkommen lassen „so, nun habe ich es aber geschafft – es geht mir heute mal nicht schlechter als gestern, hurra!“. Ja, für diesen Moment stimmt das voll und ganz. In der Regel folgt darauf aber ein Einbruch – zack, sitzt du gefühlt noch eine Etage tiefer und fragst dich, ob das jemals enden wird.

Ja, es endet – versprochen! Irgendwann ist diese Talfahrt zu Ende. Wie lange das dauert? Das kann ich leider nicht beantworten. Es liegt in dir. Diese Gefühlsabwärtsspirale muss durchlebt werden, damit es dir anschließend besser gehen darf.

Intensiv und anstrengend…

Dieses Gefühle so intensiv fühlen und durchleben ist ungeheuer anstrengend, finde ich – es kostet irre viel Kraft… Aber vielleicht ist das so vorgesehen, damit man sich besser spüren kann? Wenn du Schmerzen vor lauter Sehnsucht hast, spürst du: ich lebe! Bist du traurig und verzweifelt, merkst du dennoch: ich lebe! Dieses Vermissen, dass dir das Herz zu zerreißen droht, zeigt dir: ich lebe!
Der Mensch, der gestorben ist, kann dir keinen Halt mehr geben und das ist Mist… Anstatt aber den Halt zu verlieren, findest du über die Emotionen Halt im Leben, im Hier und Jetzt, in dir… Du darfst weiterleben und dein Körper und deine Seele zeigen dir mit diesen extremen Gefühlen, dass du noch da bist und dass du weitermachen darfst.
Es klingt vermutlich irgendwie zynisch, wenn ich schreibe „darfst“, wenn du ohne den geliebten Menschen eigentlich gar nicht mehr sein magst… Aber hey, das ist dein Geschenk und deine Aufgabe – du bist da! Mach was draus! Für den fehlenden Menschen mit!

Was das Schöne daran ist? Es gibt auch die andere Seite der Bandbreite – die Glücksgefühle! Und ja: auch die wirst du wieder zu spüren bekommen.
Auch von der Intensität dieser schönen Gefühle war ich teilweise überrumpelt… Wie großartig es sich anfühlte, wenn ich mal wieder lachen konnte – so aus vollem Herzen (wenn ich mich direkt ein wenig erschreckt umdrehen mochte: „war ICH das jetzt?!?“)… Oder wenn es mal einen Moment leichter wurde: mit den Füßen im Meer, die Nase im Wind, Salz auf der Haut, spüren, dass die Schwere für einen Augenblick abfällt und ich einfach nur „sein“ konnte.
Kleinigkeiten, die man bisher gar nicht so richtig wahrgenommen hatte (oder?), werden auf einmal viel bedeutsamer – sie berühren intensiver als zuvor:
Zum Beispiel die Freude, wenn dir Kollegen einen Kaffee vorbeibringen ohne dass du darum gebeten hast – voll schön!
Das Glücksgefühl, wenn dich irgendetwas komplett überrascht, wenn einfach so mal was Schönes passiert – ein Fest!
Wenn dich jemand zur Begrüßung fest umarmt – ohne Grund (nicht, weil es dir schlecht geht oder so, sondern nur aus Wiedersehensfreude) – wow!

…aber huiiiiii… Lebendig!

Kennt ihr diese Schaukeln auf Abenteuerspielplätzen? Diese viele Meter hohen Gestelle, auf denen man mit viel Schwung unheimlich hoch schaukeln kann? Bis in den Himmel? Ich sitze auf so einer, hole Schwung… mehr Schwung… bis ganz nach oben… Und genieße das Kribbeln im Bauch da oben an diesem gefühlt luftleeren Punkt… Das ist Leben pur!

Ich weiß, dass die Schaukel auch wieder zurückschwingt. Es wird auch Tage geben, wo ich einfach nur so dasitze und keine Kraft habe, um Schwung zu holen. Auch das ist Leben pur… Aber ich weiß, dass ich das aushalten kann. Mittlerweile kenne ich meine Grenzen besser – wenn ich alleine keine Kraft finde, habe ich mittlerweile gelernt, um Hilfe zu bitten. Und wenn ich dann knopfäugig dastehe und bettle „kannst du mir Anschwung geben? Büüüüütteee?!?“ Wer kann da schon nein sagen ;0)
Und ich kann sicher sein, dass auch wenn ich nicht um Hilfe bitte, wenn ich zu lange stillsitze irgendwann jemand vorbei kommt und mir Schwung gibt.

Schaukel-Kind-996635_1920
Quelle: Pixabay
…ich packe meinen Koffer und…

…ich packe meinen Koffer und…

Jetzt zur Urlaubszeit erinnere ich mich an den ersten Sommerurlaub nach Andreas‘ Tod. Vielleicht verreist du in diesem Jahr das erste Mal ohne deinen geliebten Menschen?

Ich habe damals bewusst ein neues Urlaubsziel für uns gewählt. Ab in den Süden, wo Andreas nie so richtig hinwollte („zu weit“, „zu heiß“,…). Außerdem kam es für mich nicht in Frage, an einen Ort zu reisen, wo ich die ganze Zeit über Erinnerungen „stolpere“ – im Alltag war das schon anstrengend genug. So war alles neu und anders.

Es war schwer, am Urlaubsort mit diesem „unvollständig“-Gefühl herumzulaufen. Einer fehlte ja… Außerdem lagen alle Entscheidungen und die ganze Verantwortung auf meinen Schultern. Niemand da, mit dem man Überlegungen und Sorgen diskutieren, Optionen gemeinsam eruieren kann. Das fiel mir echt schwer. Bei all‘ der Schwere hat mich das aber wachsen lassen. Schließlich bin ich doch ein eigenständiger Mensch und habe meinen eigenen Kopf und meine eigenen Vorstellungen…? Schön, das wiederzuentdecken! Ja, und es hat auch eine große Freiheit in sich: ich kann alleine entscheiden, also passiert genau das, was ich will und kein möglicherweise fauler Kompromiss ;0)

Heile Welt?!?

Als Trauernder schaut man fast ein wenig neidisch auf das, was die anderen haben und man selbst verloren, oder? Aber schau genau hin: die Traurigkeit verschleiert so manches. Schafft man es, genau hinzusehen, hebt sich der Schleier!
Und wenn man mal im Urlaub genau um sich schaut: da sind beileibe nicht alle im „Happy-Family-Modus“. Zank und Streit, genervte Gesichter, stundenlange Diskussionen, was am nächsten Tag unternommen werden soll… Kompromissverhandlungen: wenn wir morgen dies machen (was „sie“ will), machen wir übermorgen aber das (was „er“ will)… Oft gucken am Ende beide genervt…
Mich hat es häufig wütend gemacht, wie unachtsam die „vollständigen“ Paare und Familien miteinander umgehen. Manchmal hat man den Eindruck, sie wissen gar nicht, welch großen Schatz sie aneinander haben…

Aber letztlich kann ich nur für mich etwas ändern – wenn zum Beispiel mein Sohn und ich uns mal wieder zanken, wer den Abwasch an Urlaubstag 5 machen muss: einfach mal aus der Situation aussteigen… sich freuen, dass der andere da ist und überhaupt jemand zum Streiten da ist… Und dann: mal nachgeben und lachend zum Waschbecken zuckeln, auch wenn ich gestern schon dran war ;0)

Zurück aus dem Urlaub…

Ein Tipp, den ich gerne weitergeben mag: Wenn du das erste Mal „ohne“ verreist, stelle sicher, dass du nicht alleine bist, wenn du aus dem Urlaub zurück bist!
Warum das denn?!? Ich erzähle gerne mal, wie es bei mir nach dem Urlaub war:
Ich fühlte mich quasi wie Obelix – ich war ja wie in den Zaubertrank gefallen, denn ich hatte so viel schon alleine geschafft… Mein Sohn blieb bei Oma & Opa und ich freute mich eigentlich auf den Alltag ohne Erziehungsverpflichtung. Als ich heim kam, war das „er ist nicht mehr da“ noch einmal so richtig massiv. Auch wenn ich in der Vergangenheit ohne Andreas verreist war: bisher war er immer zu Hause, um mich zu begrüßen, um mir die schweren Taschen aus der Hand zu nehmen, Wiedersehensfreude, Glück,…
Tja, bisher… Stattdessen: ich ganz alleine… Einsamkeit… Ich hatte den Eindruck, dass die Wände immer näher kommen… Da war ein richtig fettes Tief und die Urlaubsentspannung direkt flöten…

Ich habe überhaupt nicht mit diesem Einbruch gerechnet – sonst hätte ich die Rückkehr sicher anders geplant, hätte eine Freundin verpflichtet, mir Gesellschaft zu leisten, hätte mir Hilfe zum Auspacken geholt, wäre am Rückkehrabend nett Essen gegangen,… Hätte-hätte-Fahrradkette… Nun, es war eine Erfahrung, die ich mir gerne erspart hätte – vielleicht hilft es dir, es für dich anders zu gestalten. Oder falls du selber gar nicht betroffen bist: vielleicht heißt du einen Trauernden, der aus dem Urlaub zurückkehrt besonders herzlich willkommen und bist einfach da?

luggage-1482618_1920
Quelle: Pixabay
Im Fluss…

Im Fluss…

Zu diesem Artikel hat mich Silkes Blogbeitrag auf www.in-lauter-trauer.de „Vom Fluss des Lebens“ inspiriert (danke, liebe Silke ♥). Ich fand es spannend, den Lauf des Lebens mit dem eines Flusses zu vergleichen und habe das mal auf meine Erfahrungen übertragen…

Ich habe bis zu Andreas‘ Tod immer alles unter Kontrolle haben wollen. Habe mir ein Boot gesucht, das mich sicher durch die Fluten bringt. Nicht zu groß, nicht zu klein… Keine schmucke Segelyacht oder einen großen Luxusliner wollte ich haben. Es war wichtiger, dass das Boot immer schön stabil und auf Kurs bleibt. Nur keine wilden Aktionen, die das Boot ins Wanken bringen – immer schön für Ausgleich sorgen, damit die Füße nicht nass werden… Klar hab ich auch mal was gewagt… Aber nur so weit, wie ich absehen konnte, dass das Boot unter Kontrolle bleibt… Große Wagnisse waren nie meins.

Einmal gab es sehr raue See und mein Boot hat Leck geschlagen. Es hat mich viel Kraft gekostet, das Leck abzudichten und dann auch wieder auf einen Kurs zu kommen, auf dem ich mich wohl fühlte. Ich war aber stolz, dass ich mein Boot wieder „in Schuss“ hatte. Ich hatte mich gut eingerichtet auf meinem Boot. Es ging mir gut.

Unwetter…

Eines Tages aber verfinsterte sich der Himmel… Donnergrollen… Die Erde bebte…

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Wie soll ich es durch dieses Unwetter schaffen? Naja, wie schon? Kämpfen! Ich nahm das Steuer in die Hand. Wenn das Wasser an Deck schwappte, schöpfte ich  es weg. Ich schaffe das, ich schaffe das, ich schaffe das, ich…
Jeden Tag diese Unsicherheit, ob alles gut wird. Stets begleitet von der Angst, dass entweder mein Boot kentert oder aber meine Kräfte zu Ende gehen.

Zwischendurch wurde der Fluss wieder ruhiger, es kam sogar mal die Sonne raus. Das waren aber immer nur kurze Pausen. Anschließend toste der Fluss nur umso wilder.

Dann kam ein Tag, da war es nach stürmischer Nacht ganz ruhig, fast friedlich. Ich stand an Deck, fühlte mich gut.

Doch da sah ich ihn am Ufer stehen. Ganz still stand er da und schaute mein Boot an. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen. Hat er hämisch gelacht? War er betrübt? Tat es ihm leid? Oder war es ihm schlicht egal, was er da tat? Ich denke, er hat einfach getan, was er tun musste…..
Tja, und da zog der Tod am Wassersaum, schwenkte ihn hoch, sodass eine Riesenwoge entstand. Diese Woge riss mein Boot um, ich tauchte unter, kämpfte mich an die Wasseroberfläche, die Welt stand Kopf, ich wurde von Strudeln durchgeschüttelt, tauchte wieder unter,… Die Wirklichkeit bog sich, der Fluss wirbelte, stürmte, toste,…

Mein Boot war weg, es ist wohl gesunken…

Weitermachen…

Irgendwie habe ich es geschafft, ich bin nicht untergegangen. Habe gelernt, in diesem reißenden Fluss zu schwimmen. Ein neues Boot? Nicht in Sicht.

In ganz dunklen Nächten gab es einen hellen Stern*, der mir ein wenig tröstendes Licht spendete. Er leuchtete für mich. In seinem Glanz habe ich Steine im Fluss entdecken können, auf die ich mich stellen konnte, um auszuruhen und neue Kraft für das Weiterschwimmen zu sammeln.

Während dieses Überlebenskampfes habe ich eines ganz stark fühlen gelernt: das Leben, meine eigene Lebenskraft. Ich habe gelernt, mich besser zu spüren und meine Kräfte besser einzuteilen. Ich habe mich nach und nach freigeschwommen und darauf geachtet, dass ich nicht zu viel Ballast mit mir trage und darauf, dass ich mich nicht von anderen in Richtungen zerren lasse, die für mich nicht passen.

Statt mir ein neues Boot zu bauen, halte ich Ausschau nach Steinen im Fluss, wo ich mich ausruhen kann, um Kraft zu schöpfen. Mittlerweile weiß ich, wie ich sie finden kann!
Statt mit einem Boot einem Kurs zu folgen, schwimme ich nun direkt im Fluss des Lebens. So erlebe ich wunderbare Überraschungen, begegne Menschen in diesem Fluss, die ich sonst nie getroffen hätte.

Ich bin nun weicher, geschmeidiger und kann mich den Stromschnellen anpassen anstatt gegen sie anzuschwimmen… Kämpfe keinen Kampf mehr gegen den Fluss, den ich nicht gewinnen kann… Wenn das Wasser ruhig ist, lasse ich mich treiben und genieße. Ist der Fluss wild und aufgewühlt, surfe ich auf den Wellen und spüre die Naturgewalten.

Das fühlt sich gut und lebendig an. Wenn die Kräfte reichen, schwimme ich ein Stück in eine Richtung, die mich neugierig macht. Ich spüre das Leben viel intensiver, ich nehme Freude, Wut, Glück, Enttäuschung, Zufriedenheit und auch meine Trauer an und lasse mehr Tiefe in mein Leben.

 

Wie bist du unterwegs? Bist du Kapitän auf einer stolzen Yacht? Hast du eine Nussschale? Oder bist du der Surfer, der da eben an mir vorbeigezischt ist?

river-177314_1920
Quelle: Pixabay

* Mein Stern in dieser Zeit: Gisela Sender!
Danke!!! Ohne dich wäre ich nicht die, die ich heute bin und nicht dort, wo ich heute stehe :0*

Sprich aus, was wichtig ist!

Sprich aus, was wichtig ist!

Im Alltag geht es häufig unter… Vieles ist selbstverständlich. Vieles bleibt ungesagt. Diese Vertrautheit ist soooo schön. Und gleichzeitig auch ein wenig trügerisch. Denn ist es wirklich so selbstverständlich, dass der andere weiß, was in mir vorgeht? Selbst wenn: ist es nicht wunderschön, seine Liebe auszudrücken? Tut es nicht gut, Konflikte auszusprechen und sie dadurch zu lösen? Klarheit tut doch gut, oder?

„Ach, der andere weiß schon, wie es mir gerade geht.“

„Sie weiß doch, dass ich sie liebe, warum soll ich ihr das ständig sagen?“

„Ich bin gerade stinksauer auf ihn, weil… Ach, ich habe aber keine Lust auf diesen Stress.“

…meist ist für uns auch selbstverständlich, dass der andere ja eh immer da ist und bleibt. Es ist soooooooo viel Zeit, da kann man später auch noch reden.

Was aber, wenn dann der Tod dazwischen grätscht? Zack ist der Gesprächspartner fort… Und wir werden diese unausgesprochenen Worte, diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten nie mehr los.

Ich habe häufig mit mir gerungen… Hätte ich doch das-und-das gesagt, es ausgesprochen… Warum habe ich ihn nicht gefragt, warum… Weshalb habe ich nicht darauf bestanden, dass er mir erklärt,… Tja, aber die Gelegenheiten sind verstrichen. Chance vertan…
Mittlerweile bin ich überzeugt, dass wir alles in Worte gefasst haben, was uns möglich war. Wir haben unser Bestes gegeben… Und Vieles war tatsächlich einfach selbstverständlich und klar für uns beide.
Dennoch habe ich mir nach Andreas‘ Tod vorgenommen, offener zu kommunizieren.

Aussprechen, was wichtig ist.

 

Was aber, wenn nach dem Tod eines geliebten Menschen viele unausgesprochene Worte übrig bleiben, die bedrücken, die quälen? Eine Idee, ein besonders schönes Ritual möchte ich euch bei dieser Gelegenheit vorstellen. Ich habe es gemeinsam mit meiner Kur-Gruppe durchgeführt – es war ein ganz besonderes Erlebnis:

Brief an einen Verstorbenen

Eigentlich ganz einfach, aber manchmal erkennt man das Naheliegende ja nicht: Schreib die Worte auf!
Wir haben uns Zeit genommen und einen Brief an unsere Partner verfasst. Jede/r für sich quasi als „Hausaufgabe“. Wer was wie geschrieben hat, blieb dabei unser Geheimnis…

Gemeinsam sind wir dann mit unseren Briefen auf den Friedensberg in Sellin gewandert – der Friedensberg ist ein sogenannter Kraftort. Ich hatte zuvor noch nie von so etwas gehört und war entsprechend ungläubig. Solche Orte sind aber in der Tat magisch…
An einer Stelle, die wir gemeinsam ausgewählt haben, wurden die Briefe an die Verstorbenen einer nach dem anderen verbrannt. Durch das Verbrennen finden die Worte eine neue Form, sie machen sich auf den Weg… Es war enorm spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Briefe verbrannt sind. Auch irgendwie magisch…

Zwei von uns fanden das Verbrennen unpassend, uns war mehr nach Wasser zumute. Somit ging es dann gemeinsam ab an den Strand. Diese zwei Briefe wurden um dicke Steine gewickelt und mit großem Schwung in die Ostsee geworfen – die Schrift auf dem Papier löste sich im Wasser auf und auch so haben sich die Worte auf den Weg gemacht…

Auf welchem Weg auch immer. Auf den Weg gebracht sind diese unausgesprochenen Dinge vom Herzen geschrieben und bedrücken nicht mehr… Tut einfach gut!

…übrigens hatten wir anschließend noch großen Spaß dabei, Steine ins Meer zu pfeffern. Das befreit auch enorm ;O)

Hast du schon einmal jemandem geschrieben, der nicht mehr da ist? Oder hast du dich auf anderem Wege ausgedrückt?

old-letters-436502_1920.jpg
Quelle: Pixabay