…ein Stück untröstlich

…ein Stück untröstlich

Oh, wie schön, dass du hier bist: Herzlich willkommen auf meiner Seite!

Ich bin Anja (44) und lebe im schönen Norden an der Ostseeküste als „lübsche Sprotte“ (in Kiel geboren hat es mich auf meinem Weg nach Lübeck verschlagen).

„untröstlich“… Klingt das nicht furchtbar deprimierend?!? Nein, ich finde nicht. Ich habe mich Stück für Stück und Schritt für Schritt durch meine Trauer gekämpft. Ein Teil von mir kann nicht geheilt oder glattgebügelt werden. Eine Lücke bleibt… Und das darf so sein und bleiben – macht es mich doch zu der Person, die ich heute bin.

Ich bin stark und mutig, ich bin herzlich und positiv… Ja, ich bin lebensfroh. Aber bei all‘ der Stärke und Leichtigkeit, die in mein Leben kommen durfte:

Ich darf ein Stück untröstlich bleiben!

Dieser Satz ist für mich der größte Schatz, den ich während meiner Trauerarbeit erspürt habe.

Also, was ist mein Anliegen in diesem Blog? Du ahnst es… Hier soll es um Tod und Trauer gehen, aber auch um das Leben und Lebensfreude. Dies ist mein Beitrag dazu, dieses tabuisierte Thema aus seiner dunklen Ecke zu holen. Darüber offen schreiben und sprechen zu können, empfinde ich als befreiend – vielleicht geht es dir ähnlich? Der Tod hat mich das Leben gelehrt und ich möchte zeigen, dass der Tod uns keine Angst machen, sondern eher das Leben selber spüren lassen sollte, solange es geht.

„Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muß man leben.“
(aus „Memento“ von Mascha Kaléko)

Ich für meinen Teil habe diesen Blog ins Leben gerufen, weil ich mit dem Tod meines Mannes im November 2014 leben muss. Andreas‘ Tod hat mich so richtig aus der Bahn gekegelt, meine kleine Welt stand Kopf und es hat mich harte Arbeit gekostet, mich neu zu sortieren und Lebenslust zu finden. Ein paar Gedanken dazu findest du auf „Dein Tod und ich“ Ich danke an dieser Stelle ganz herzlich Judith Peller, die diese Plattform ins Leben gerufen hat und Silke Szymura, die sie von Judith übernommen hat – danke, dass ihr mir diese Möglichkeit der Veröffentlichung geöffnet habt!

Ich habe es geschafft! Ich habe überlebt! Es wäre vermessen zu behaupten, dass ich nicht mehr trauere. Aber ich habe mich neu gefunden, meine Welt neu zusammengesetzt und gestaltet. Die Trauer bleibt ein Teil von mir, aber nicht belastend, sondern wie ein Schatz – denn ich darf in meinem neuen Leben eines bleiben:

…ein Stück untröstlich!

Diese Seiten hier werde ich (recht egoistisch, muss ich zugeben) für mich nutzen – meine Gedanken äußern und mich öffnen. Wenn ich es aber schaffe, dich damit zu bewegen, auch dich ein Stück weit zu öffnen, Kommentare zu hinterlassen und oder auf anderem Wege mit mir ins Gespräch zu kommen: super! Ich freue mich darauf!

Eine weitere Herzensangelegenheit ist es für mich, dir zu zeigen „du bist nicht alleine“. Es ist glücklicherweise nicht die Regel, dass man früh in seinem Leben Witwe oder Witwer wird – aber es passiert deutlich häufiger, als ich je gedacht hätte. Zu Beginn meiner Trauerzeit habe ich mich als „Sonderfall“ empfunden. Nach und nach habe ich viele Frauen und auch Männer kennengelernt, die ein ähnliches Schicksal tragen müssen. Mit meinen Texten möchte ich einerseits berichten, wie es mir ergangen ist oder ergeht – andererseits teilen, wer oder was mir geholfen hat auf meinem Trauerweg.

Ich bin gespannt, wohin diese Blog-Reise führt…

© Martine Blankenburg

Bist du etwa immer noch traurig?!?

Bist du etwa immer noch traurig?!?

JA, verdammt… Bin ich… Jedenfalls ab und zu…

Ich glaube, diese Frage steht auf der Rangliste der „Hass“-Fragen bei Trauernden gaaaaanz weit oben… Es wurde schon häufiger darüber geschrieben und so langsam, langsam dreht sich vielleicht etwas an der breiten Akzeptanz und Trauernde werden nach und nach in ihrem eigenen Tempo „gelassen“.

Aber ich habe sie mir nun einmal selbst gestellt (bissel masochistisch vielleicht?!?):

Bin ich immer noch traurig???

Immerhin ist es bei mir fast 3 Jahre her… Die ersten Erinnerungstage jähren sich tatsächlich zum 3. Mal (whaaat?!?). Ist nun nicht mal gut mit dem Trauern? Her mit dem lustigen, wilden Leben…?

Ein wenig bin ich ja manchmal von mir selbst genervt… So oft diese tiefschürfenden Gefühle. Das ist soooooooo anstrengend…

Tja, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Gerade wenn man am wenigsten Bock drauf hat, kommt da so ein Tief ums Eck, schnappt dich und ziiiiiiiiiiieht dich runter… Tief, tiefer, noch tiefer… Ich war total überrumpelt, als mich dieses Tief packte – ich konnte nicht rechtzeitig zur Seite hüpfen.

Ja, vielleicht hätte ich darauf vorbereit sein können. Am Vortag habe ich mit einer Freundin über Andreas‘ Todestag gesprochen. Über sein Sterben… Dazu möchte ich in einem anderen Beitrag ein paar Gedanken mit euch teilen… Es war ein superschönes Gespräch und hat mich in vielen Aspekten wieder ein Stück weiter geschoben.
Aaaaber, es hat wohl auch einen großen Batzen Gefühle hervorgekitzelt, die ich noch nicht gefühlt hatte. Die waren jetzt „dran“.

Ich war so unsagbar traurig, ging durch so viele schmerzhafte Gefühle…

Wie schaffe ich es da durch?

Ich stelle immer wieder fest, dass die Tipps und Ratschläge, die ich anderen Trauernden geben kann, für mich selber nicht so leicht verfügbar sind. In Verzweiflung funktioniert der Kopf halt nicht.
Damit ich einmal einen Punkt habe, wo ich nachlesen kann, schreibe ich mal ein paar hilfreiche Dinge hier auf:

  • Bachblüten-Notfallspray
  • atmen: eeeeeeeeiiiinnn…. und aaaaaauuuuusss……
  • Thymusdrüsenklopfen
  • frische Luft, Natur – spazieren gehen, egal wie das Wetter ist
  • reden… Notruf an eine Freundin absetzen und sie vollheulen
  • Wärme: Körnerkissen, dicke Decke (weinen kostet viel Energie)
  • Kerze an, schöne Musik hören

Vielleicht brauche ich die Hilfestellung nie wieder – ich gehe aber davon aus, dass dies nicht das letzte Tief gewesen ist ;0)

Auf „In lauter Trauer“ bin ich das erste Mal dem „Märchen von der traurigen Traurigkeit“ begegnet (oh, ich sehe gerade, dass wir da auf Silkes Seite in den Kommentaren auch einen wunderbaren Austausch zur Traurigkeit hatten) und habe mich davon verzaubern lassen – vielleicht magst du es auch? Hier findest du es, das „Märchen von der traurigen Traurigkeit“

Kürzlich habe ich auf Facebook diesen Spruch gelesen:

Du siehst alles ein bisschen klarer mit Augen, die geweint haben.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Ömpf… Also… Dass mir nun irgendetwas klarer war, als die Tränen geweint waren, kann ich nun wirklich nicht behaupten. Ich war einfach nur fix und foxi.
Aber in meinen Augen (hihi, das passt ja) ist dieser Spruch umfassender gemeint. Die Summe meiner Tränen und das Gespür für diese Tiefen – es verändert meine Sicht auf die Welt.

Wie man es auch interpretieren könnte: nach jeder Traurigkeitsphase verändere ich mich wieder ein Stück. Mit jedem tiefen Tief, aus dem ich mich herausgeboxt habe, bin ich ein Stück anders (einfach ohne besondere Wertung: nicht besser, nicht schlechter… anders).

Seit ich dieses Tief durchschritten habe, spüre ich eine faszinierende Energie – ich gehe gestärkt aus dieser Phase weiter… Ist das schön!

Und sollte ich mich einmal wieder genervt fragen:

„Ochnö, ist nun nicht langsam mal gut mit diesem Traurigsein?!?“

Dann antworte ich: Nein! Diese Traurigkeit gehört zu mir – sie darf bleiben und sich ab und zu neben mich setzen. Ich weiß, dass ich stark bin und sie aushalten kann. Und mit jeder geweinten Träne sehe ich ein wenig klarer ♥

Unkomplett…

Unkomplett…

Neulich wollte ich vor allem eines: abschalten. Der Tag war anstrengend, ich eigentlich total müde… Einfach mal die Glotze an und den Kopf aus… So der Plan.

Dieser „Schubidu“-Film, der da lief, war aber nicht so schubidu, wie ich es gebraucht hätte. Hauptfigur: eine Mutter von 2 Kindern – alleinerziehend, weil ihr Mann bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen ist. Mit den Details des Filmes möchte ich dich gar nicht langweilen… Da sind aber Zeilen aus einem Mutter-Kind-Gespräch, die mich ganz schön aus der Bahn geworfen haben. Es waren Vorwürfe des Kindes an die Mutter:

„Als Papa noch da war, warst du nie so…“

Dieses „so“ kann man nun durch diverse Adjektive ergänzen:

  • ungeduldig
  • zerstreut
  • chaotisch
  • traurig
  • abwesend

Ich bin sicher, dir fällt auch das ein oder andere Adjektiv ein, das man dir an den Kopf werfen könnte oder sogar geworfen hat. Oder was dir spontan als erstes zu einem Trauernden in deinem Umfeld einfällt.

Die Antwort der Film-Mutter hat mich vollends aus der Bahn gekegelt… (Hallo?!? Ein „Schubidu“-Film wohlgemerkt?!?!)

„Als Papa noch da war – da war ich noch ganz.“

Okay: Schleusen auf, Zuschauerin heult… Uuuund bitte!

Es beschreibt so kurz und knackig genau das, was der Tod mit einem macht. Der Partner stirbt und es fühlt sich an, als sterbe ein Teil von dir mit. Es fehlt ein Stück… Ein Stück von dir, von deiner Persönlichkeit…? Ein Stück „du“, denn bis dahin warst du Teil eines „wir“. Man ist nicht mehr „ganz“.

Der Tod wirft einen um… Irgendwann steht man wieder auf, obwohl ein Teil von einem fehlt und macht weiter. Aber da ist diese neue Eigenschaft als Resultat völliger Überforderung oder schlichtweg aus purem Schmerz…
Ich erinnere mich, dass ich in vielen Situationen ungerecht gehandelt habe. Ich war unfair, war ungnädig, unausstehlich, unerträglich,… Viele, viele „un“s fallen mir da ein.

Nicht immer, natürlich, aber echt häufig.

Ich glaube, an diese Stelle passt gut ein dickes Dankeschön an den weltbesten Sohn, der zu Hause vermutlich am meisten von diesen „un“s abbekommen hat (zu Hause fallen die Masken…) DANKE! Danke, dass du das,… dass du mich ausgehalten hast ❤️

Was soll ich sagen? Ich konnte nicht anders… Wie gerne wäre ich ausgeglichen, fröhlich und lachend durch die Welt gehüpft. Aber da war dieser Schmerz, es fehlte doch ein Stück von mir…

Hinzu kommt, dass man den Alltag plötzlich alleine wuppen muss. Sei es mit Kindern oder ohne – du bist von jetzt auf gleich der Einzige, der für alles verantwortlich ist. Da steht man beispielsweise schon mal mit dem Wocheneinkauf im Treppenhaus und heult – nicht nur, weil man alles alleine in die Wohnung schleppen muss… Man hat auch noch viel zu viel, nämlich immer für 1 Person zusätzlich, eingekauft…

Nach dem Tod lebt man nun mit dieser Lücke, mit diesem fehlenden Stück. Und damit man nicht daran zerbricht oder auseinander bricht, versucht man mehr oder minder verzweifelt, diese Lücke zu schließen oder das fehlende Stück auszugleichen. Aber wie soll das gehen, wenn man so ins Wanken kommt?

Ich fühlte mich nach Andreas‘ Tod komplett aus dem Gleichgewicht.

Nach und nach habe ich erkannt, dass kein Stück von mir fehlt… Ich bin noch ganz! Alles, was in mir zerbrochen ist – es macht mich nicht lückenhaft… Es fehlt ein Mensch in meinem Leben, ja. Und es fehlt ein Stück aus meiner Zukunft, denn die war doch anders geplant, als sie jetzt stattgefunden hat… Aber das ist ein Stück, das ich mit neuem Leben füllen kann. Es bringt mir Andreas nicht zurück – aber es bringt mich wieder ins Lot, wenn ich für Ausgleich sorge. Wenn ich gut für mich sorge, wenn ich dafür sorge, dass es mir irgendwie wieder gut geht, dass ich mich wieder „ganz“ fühle.

Dafür gibt es wohl keinen Masterplan… Ich habe nach und nach gelernt, mich besser zu spüren, zu fühlen, was ich gerade brauche. Anfangs mit viel Hilfestellung von Gisela, mittlerweile sind meine Sensoren intakt…

Wie ist es bei dir? Magst du mir verraten, ob du irgendwie „un“-irgendwas bist? Was tust du, um dich „rund“ zu fühlen oder was könntest du tun?

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Quelle: Pixabay
Das Grau

Das Grau

Es gibt so Tage… die sind einfach grau… Nicht schwarz, nicht weiß, nicht grün oder gelb oder blau… Sie sind einfach grau und bleischwer…

Ich bin gar nicht sicher, ob dieses Grau immer trauerbedingt zu mir kommt – vielleicht sind es kleine Tiefs in meinem Leben, die ich nun einfach intensiver spüre…
Wie auch immer fällt es mir schwer, diese Nicht-Farbe anzunehmen. Hinzunehmen, dass ich morgens nicht fröhlich aus dem Bett hüpfe und „hurra, ein neuer Tag“ rufe. Zu akzeptieren, dass ich dann einfach kraftlos und unmotiviert bin.

Zu Beginn meiner Trauerzeit waren das Tage, an denen ich mir nur noch die Bettdecke über den Kopf gezogen habe, nachdem ich meinen Sohn zur Schule geschickt habe (und mich dieses kleine Bisschen Funktionieren eigentlich schon an meine Grenzen gebracht hat) und gehofft habe, dass der Tag endlich vorbei geht…
Ich würde jetzt gerne etwas Motivierendes, Hoffnungmachendes schreiben – etwas, das dir zeigt, dass diese Tiefs vorbei gehen… Tut mir leid… Sie verschwinden nicht. Bei mir jedenfalls nicht.

Aber es darf sich für mich etwas ändern, indem ich mein Verhalten ändere bzw. anpasse. Es gibt weiterhin diese Phasen, wo einfach nichts so richtig gut geht. Ich übe mich darin, sie einfach auszuhalten. Ich schraube meine überhöhten Erwartungen an mich selbst zurück und nehme mich an, wie ich gerade bin.
Atmen und aushalten… Das hilft!

Gerade jährte sich zum dritten Mal der Todestag meines Schwiegervaters… Das ist traurig… Ich vermisse ihn…
Vor drei Jahren begann nach seinem Tod die schlimmste Zeit meines Lebens… Die Erinnerungen machen mich traurig. Ich könnte mich jetzt dagegen sträuben, mich ablenken und mir einreden, dass doch nun alles gut ist – es ist doch schon soooooo lange her.
Das möchte ich aber gar nicht. Diese Traurigkeit gehört doch zu mir… Ich lade sie ein, setze mich dazu und schweige gemeinsam mit ihr…

Offen und ehrlich

Ja, und wenn mich jemand in diesem Schweigen anspricht, rede ich darüber, dass es mir nicht gut geht. Nicht immer und auch nicht mit jedem… Aber es gibt ja diese Menschen in meinem Leben, die das aushalten können. Diese Menschen geben sich mit meiner Antwort auf die Frage „wie geht’s dir?“ nicht zufrieden… Mit einem „Naja, ich bin gesund.“ komme ich nicht davon 🙂
Und das tut gut. Danke!

Und dann gibt es da in diesem Grau plötzlich Lichtblitze – schöne, berührende Ereignisse… Manchmal klitzeklein und doch ganz wunderbar. Das Tolle ist: gerade in diesem matten Grau strahlen sie so herrlich.

Am letzten Arbeitstag der Woche, durch die ich mich echt gequält habe, kommt eine Kollegin zu mir und berichtet strahlend von einem Konzert, das sie am Vorabend gehört hat. Dass dort eine Adaption von „The Rose“ gesungen wurde, die ganz berührend umgesetzt wurde. Ihr Strahlen und ihre Freude waren in dem Moment ein ganz bezaubernder Lichtstrahl direkt in mein Herz.
Schwupps, war sie kurz weg und kam mit einem Ausdruck des Liedtextes zurück. „Für dich“… Danke ♥

Wer nie weint und niemals trauert, der weiß auch nichts vom Glück

Das sind meine Lieblingszeilen aus diesem Text. Ich denke, wir brauchen einfach diese Kontraste in unserem Leben. Schmerz und Traurigkeit, um Glück und Leichtigkeit wertzuschätzen… Das Grau, um die Farben leuchten zu sehen…

Ich möchte gerne den ganzen Liedtext teilen, weil ich so überrascht war, wie schön ich ihn finde (auf Englisch kenne ich das Lied nur sehr theatralisch gesungen – das schrappte bei mir immer so sehr an der Schmerzgrenze, dass ich dem Text nie so recht folgen konnte, sorry ;0)

Liebe ist wie wildes Wasser
Das sich durch Felsen zwängt
Liebe ist so wie ein Messer
Das dir im Herzen brennt
Sie ist süß und sie ist bitter
Ein Sturm, Wind und ein Hauch
Für mich ist sie eine Rose
Für dich ein Dornenstrauch

Wer nie weint und niemals trauert
Der weiß auch nichts vom Glück
Wer nur sucht, was ewig dauert
Versäumt den Augenblick
Wer nie nimmt, kann auch nicht geben
Und wer sein Leben lang
Immer Angst hat vor dem Sterben
Fängt nie zu leben an

Wenn du denkst, du bist verlassen
Und kein Weg führt aus der Nacht
Fängst du an, die Welt zu hassen
Die nur and’re glücklich macht
Doch vergiss nicht, an dem Zweig dort
Der im Schnee beinah erfror
Blüht im Frühjahr eine Rose
So schön wie nie zuvor

(„Die Rose“ – A. McBroom / Bearb.: Michael Kunze)

Auch wenn sich das Leben manchmal anfühlt wie ein Dornenstrauch… Auch wenn mir manchmal grau ist… Oder vielleicht auch gerade WEIL…

Ich finde mein Leben so schön wie nie zuvor!

sdr
Quelle: Martine Blankenburg
Atmen und Aushalten…

Atmen und Aushalten…

Du liebe Güte… Heute – nein, gestern (es ist nach Mitternacht) hatte ich ein Flashback, sitze immer noch ein wenig neben mir… ist es wirklich fast 3 Jahre her…?

Eine liebe Kollegin hat Abschied gefeiert – in ihrer Abschiedsrede wurde viel erzählt… Warum ich dir das jetzt erzähle? Nun, es wurde auch eine Veranstaltung erwähnt, die mir sehr am Herzen lag. Ein Gedenksymposium für den Wegbegleiter, dessen 60. Geburtstag im August gewesen wäre… Ich war in die Vorbereitungen eingebunden, war am Morgen des Events ganz aufgeregt und mega-hektisch… Vielleicht kannst du nachvollziehen, wie wichtig mir diese Veranstaltung war – schließlich war mir dieser Wegbegleiter so wichtig… Dieses „in Memoriam“ sollte etwas ganz Besonderes werden – ihm zu Ehren…

Ich war bei dieser Veranstaltung nicht dabei…

Das war nämlich der Tag, an dem meine kleine Welt einen fetten Riss bekam…

Der 10.10.2014…

Dieser Tag ist in mein Gedächtnis gebrannt…

Als das Symposium begann, saß ich bei einem Oberarzt in der Notaufnahme der Uniklinik und habe versucht, zu verstehen, was der mir da sagt: „Wir haben da eine Raumforderung entdeckt.“ HÄ?!? Was?!? Für alle Unwissenden (wie ich zu der Zeit), das heißt auf nicht-Ärztisch: „Ihr Mann hat einen großen Tumor im Gehirn.“ Das hat er mir sehr umständlich näher erklärt… Die Ärzte wussten auch nicht so recht, wie sie damit umgehen sollten – Andreas musste jedenfalls unbedingt im Krankenhaus bleiben…

Ich war wie in Trance… Nachdem ich mich versichert hatte, dass Andreas erst mal gut aufgehoben ist und ich nichts weiter tun kann, habe ich mich auf den Weg nach Hause gemacht – da wartete ja mein Sohn… Im Flur der Klinik hat mich der Oberarzt noch einmal aufgehalten. Ich habe den kurzen Dialog heute noch im Ohr:

Oberarzt: „Haben Sie Kinder?“
Ich: „Äh…… ja, wieso?“
Oberarzt: „Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst!“

*Schwupps* weg war er – eilig den Gang weiter gelaufen… Du glaubst nicht, wie sehr ich diesen Menschen für seine unsensiblen Worte gehasst habe – du suchst gerade nach irgendeinem Halt, irgendeinem noch so winzigen Strohhalm, um nicht umzufallen… und da schubst dich so ein unsensibler Mensch mit seinen Worten einfach *zack* um.

Viel, viel später war ich diesem besagten Arzt sehr dankbar (das war aber erst so vor ungefähr einem Jahr, glaube ich – meine wütenden Gedanken tun mir mittlerweile ein wenig leid) – er war der einzige der behandelnden Ärzte, der wirklich klare Worte ausgesprochen hat. Niemand hat mir während der folgenden Krankenhausaufenthalte so klar vermittelt, dass Andreas sterben wird.
Seine Wortwahl ist mir dennoch weiterhin schleierhaft… Wieso ist es an der Stelle wichtig, ob es Kinder gibt? Was bitte ist „das Schlimmste“, auf das ich mich da gefasst machen soll?! Darüber könnte ich mich wohl seitenlang auslassen…
Nichtsdestotrotz hat er es auch mit diesen seltsamen Worten nahebringen können: „Es gibt hier kein Happy End!“

Zurück zu dieser Situation von gestern: ich saß in diesem Raum gemeinsam mit den Kollegen und fühlte mich richtig aus dieser Handlung hinaus katapultiert… Ich saß in diesem Raum (heute), war auf dem Flur des Krankenhauses (vor ca. 3 Jahren) und konnte gleichzeitig anhand der Rede heute meine Kollegin auf diesem Symposium eine Laudatio halten sehen (auch vor ca. 3 Jahren)… Bin ich verrückt? Ja, wohl irgendwie schon…

Wie gerne wäre ich bei dieser Veranstaltung gewesen… Hätte meine Kollegin reden hören… Hätte mit vielen Leuten in Erinnerungen geschwelgt… An diesen Weggefährten zurückgedacht… Gelacht und geweint…

Funktionieren

Stattdessen habe ich organisiert… Wer kümmert sich um meinen Sohn, um den ich mich nicht hätte ausreichend kümmern können… Wo sind eigentlich die-und-die Papiere, die das Krankenhaus braucht… Ach, super, meine Eltern sind da, nehmen den Sohn mit… Habe ich heute eigentlich schon was gegegessen?… Die geliehene Heckenschere muss zurückgebracht werden… Oh, nochmal schnell ins Krankenhaus… Machen, machen, machen, um diese betäubte Phase gut zu nutzen. Alles Wichtige erledigen, damit ich nicht umkippe – oder zumindest alles schaffe, bevor ich umkippe.

Ich bin nicht umgekippt…

Ich habe das alles geschafft. Diese Ausnahmesituation hat in mir Ausnahmekräfte geweckt. Yay, Superwomaaaaan… Es ist aber ohne Flachs wirklich so, dass man in solchen Situationen völlig unbekannte Kräfte mobilisieren kann. Das ist faszinierend.

Zurück gehüpft in die Gegenwart: Gestern hat mir eine während der Trauerzeit erlernte Fähigkeit geholfen: Atmen!
Das kann doch jeder?! Nein… In Schockzuständen und-oder unter großer Belastung hält man meist den Atem an…
Atmen und aushalten… Einfach ruhig weiteratmen und aushalten, dass es weh tut. Die Tränen in meinen Augen fielen gar nicht groß auf, denn die Rede war so berührend, dass viele welche in den Augen hatten – dass ich Tränen in den Augen hatte, weil der Erinnerungsschmerz so groß war, hat so niemand bemerken können ;0)

So habe ich gelernt, emotional schwierige Situationen durchzustehen: Atmen und Aushalten…

Ein…

Aus…

Ein…

Aus…

Ein…

…….Tschakka!

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Quelle: Pixabay

 

Ich würd‘ dich gern (nochmal) besuchen…

Ich würd‘ dich gern (nochmal) besuchen…

Wagst du’s?!? Oder wagst du’s nicht?!?

…wenn du das hier liest, habe ich es gewagt. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diesen Beitrag veröffentliche oder nicht.

Mein Beitrag Ich würd‘ dich gern besuchen… war eigentlich ungefähr doppelt so lang wie in seiner veröffentlichten Form – ich habe ihn um das, was ich nun schreibe, gekürzt, denn es fühlte sich zu dem Zeitpunkt nicht „rund“ an. Allerdings fehlt nun ein – wie ich finde – wichtiger Teil:

Es ist nicht alles Gold, was glänzt…

Ich denke, dass es viele da draußen gibt, die nach dem Tod eines geliebten Menschen auch mal die nicht so schönen Seiten erinnern… Warum wird darüber eigentlich so wenig gesprochen? Darf man das nicht? Wird man schräg angeschaut: „Sowas macht man doch nicht…?!?“ Man muss doch die „Totenruhe heiligen“…

Die Verstorbenen werden dadurch zu einer Art „Heiligen“, oder? Friede, Freude, Eierkuchen,… Der Tod ist schon unangenehm genug, da muss ich nicht noch mehr Unangenehmes hervor holen… Der Schmerz, dass jemand nicht mehr da ist, lässt irgendwie gar nicht den Gedanken zu, dass nicht alles rosarot war… Es passt nicht so recht zusammen, dass man jemanden vermisst, der Fehler hatte. Wenn er solche Fehler hatte, könnte man ja froh sein, dass man diese Last los ist…?

Aber genauso, wie ich meine Fehler und Unzulänglichkeiten habe, hatte sie doch jeder Verstorbene auch. Und gerade diese Unperfektheit macht einen Menschen liebenswert…? Ich finde es schade, wenn man diese Eigenheiten mit einem „das gehört sich nicht“ glattbügelt.

Es liegt mir fern, meinen verstorbenen Lieblingsmenschen schlecht zu machen – ich möchte aber aussprechen, was wichtig ist… Ich möchte nicht wie viele Angehörige in co-abhängiges Verhalten übergehen und die Sucht „schönreden“ oder ignorieren.

Andreas war spielsüchtig. Er hat Geld verspielt, das uns gemeinsam gehörte. Zack, nun ist es raus in die Welt…
Ich habe es nicht wahr haben wollen und musste doch zwangsläufig erkennen…

Was ich dir sagen würde…

„Ja, ich würde auch Tacheles mit dir reden wollen…

Als es dir immer schlechter ging und ich mich mit um deine Finanzen kümmern musste, da habe ich erkennen müssen, dass du mich oft angelogen hast… Dass du einen Teil unseres gemeinsamen Geldes verzockt hast. BAMM! Das war ein hammerharter Schlag für mich und ich war einfach fassungslos… Wie oft hatte ich nachgefragt, was wir mit der Rückzahlung vom Stromanbieter finanzieren wollen, was wir mit dem Geldgeschenk für uns beide machen wollen,… Irgendwie gab es da immer so ein „magisches Loch“, in dem das Geld zu versickern schien. Ich hab dir blind vertraut, habe auf unsere Vereinbarung gesetzt, dass wir immer ehrlich miteinander sein wollen…

Ich konnte das Thema vorerst ruhen lassen – wir hatten wahrlich größere Sorgen 😦

Ich erinnere mich aber daran, dass ich – du warst schon schwer krank – zu dir sagte: „Das hört sofort auf oder du fliegst hier raus!“ Deine Antwort „Ich habe ja schon aufgehört.“ hat im Nachhinein einen so bitteren Beigeschmack… Keine 4 Wochen später warst du tot.

Schuldig?!?

Oh, was habe ich mich später mit dieser irrationalen Schuld gequält… Hätte ich dir das nicht sagen dürfen? Bist du deswegen gestorben?!?

Es geht nicht um das blöde Geld, denn zumindest hast du es nicht so weit getrieben, dass unsere Existenz auf dem Spiel stand.
Vor allem geht es um mein Vertrauen, das du an der Stelle missbraucht hast. Ich würde dir gerne einmal direkt sagen, wie weh du mir damit getan hast. Ich war so wütend und verletzt…

Du hast gewusst, wie weh du mir tust. Du hast vermutlich ein elendiglich schlechtes Gewissen gehabt und hast dich schlecht gefühlt, weil du diese Schwäche hattest und die Sucht nicht alleine besiegen konntest.

Ich wünschte, du hättest es mir gesagt. Wir wollten doch immer offen und ehrlich miteinander sein – weißt du noch?
Wie gerne würde ich darüber noch einmal mit dir reden… Denn trotz aller Enttäuschung: ich glaube, ich kann dich verstehen.* Kann nachvollziehen, warum du so gehandelt hast… Und wie gerne würde ich dir in die Augen sehen und dir sagen, dass ich dir verzeihe… ♥“

Trauer hat auch ihre ganz dunklen Seiten

Da gibt es durchaus auch mal Wut auf den Verstorbenen, die nicht mehr geäußert werden kann.
Ich denke, ich bin nicht die einzige Trauernde, die so eine Wut mit sich schleppen musste… Sprecht es aus, redet darüber! Schreibt darüber! Es ist okay, dem Verstorbenen auch Wut und Enttäuschung zuzumuten, finde ich. Nur so kann die Erinnerung wieder hell und schön werden.

Und für das Hier und Jetzt: Offenheit und Ehrlichkeit sind essentiell für ein positives Miteinander…
…eine Herzensbitte an alle Süchtigen und deren Angehörige: Sprecht die Sucht an! Sprecht offen über eure Probleme! Und vor allem: lasst euch helfen! Ihr seid nicht alleine…

* Kai und Gisela Sender habe ein (wie ich finde) sehr mutiges Buch geschrieben, das mir Vieles erhellt hat… Ihren „Suchtbericht„. Beide kommen in diesem Buch zu Wort und erzählen, wie sie die Krise bewältigt haben, in die sie Kais Glücksspielsucht gestürzt hat.
Hier findet ihr Kai Senders Blog, auf dem er sehr offen über Sucht schreibt: http://www.suchtbericht.de/

Ich würd‘ dich gern besuchen…

Ich würd‘ dich gern besuchen…

Mein Leben ist weitergegangen… ohne dich…
Es war ein harter Kampf, aber ich habe es geschafft. Es geht mir gut. Und doch… Du fehlst mir… Ich vermisse dich…

Wie gerne würde ich dir erzählen, was mir so alles passiert ist. Deine Meinung dazu hören, mit dir diskutieren… ja, und mit dir lachen. Das vermisse ich sooooo sehr.

Nur für einen Tag möchte ich dich besuchen, mit dir Zeit verbringen und dich noch einmal umarmen und zurück-umarmt werden.
Du warst mein bester Freund und ich habe es so genossen, deine Nähe zu spüren. Nicht nur auf körperlicher, nein, auch auf seelischer Ebene. Diese Vertrautheit ohne große Erklärungen – ich vermisse sie, ich vermisse dich.

Ich würd dich gern besuchen,
deine Stimme und Gedanken hören,
noch einmal will ich dich umarmen
und deine Nähe spüren.

(Unheilig „Ich würd‘ dich gern besuchen“)

In meinem Kopf und in meinem Herzen spreche ich mit dir, wenn mir danach ist. Hörst oder spürst du das eigentlich? Ich glaube, ja – irgendetwas in mir glaubt ja sowieso, dass du noch irgendwie um uns bist und eh alles mitbekommst, was bei uns so passiert… Aber so richtig sicher bin ich mir nicht.
Wenn ich die Gelegenheit hätte, nur ein einziges Mal, dich zu fragen, ob das tatsächlich so ist, ob die Antworten, die ich in mir mehr spüre als höre, ob die von dir sind… Das würde mir gut tun.

Was mir aber noch wichtiger bei einem Besuch wäre: einmal die Gewissheit haben, dass es dir gut geht, da wo du jetzt bist. Ich wünsche es dir so sehr und die Zweifel, die ich ab und zu habe, machen mich traurig. Was, wenn es dir nicht gut geht?
Wenn ich so darüber nachdenke… Ich könnte ja eh nichts ändern. Dich zu besuchen und festzustellen, dass du nicht glücklich bist und dann nach Ablauf der Besuchszeit wieder gehen zu müssen – es wäre die Hölle für mich.
Ich muss also darauf vertrauen, was ich spüre. Dass du uns sagen würdest „Hey, es geht mir gut. Macht euch keine Sorgen!“.

Reisebüro?!

Dieses Reisebüro, das eintägige Reisen in eine Parallelwelt vermittelt – ich habe es bislang nicht finden können. Hat da jemand Kontaktdaten?!?

Was, wenn ich es doch eines Tages finde? Oh, ich weiß ziemlich genau, was ich mit dir unternehmen würde… Es gab da diesen nahezu perfekten Tag im Oktober, bevor du starbst – erinnerst du dich?
Spaziergang am Meer… Die Füße im Wasser… Es war angenehm warm, obwohl die Mitte des Monats schon herum war… Nebeneinander im Sand liegen und den Wolken am Himmel beim Vorbeiziehen zuschauen… In unserem Lieblingsrestaurant mit Blick auf die Ostsee… Lieblingsessen, Lieblingsgetränke, Lieblings… seufz…

Der einzige Störfaktor war dieser Scheiß-verdammte-Tumor in deinem Kopf.

Ich weiß nicht, ob es da wo du jetzt bist genauso ist wie hier – könnten wir den Tag einfach wiederholen? Ohne Todesangst?

Ich würd dich gern besuchen,
wenn auch nur für einen Tag,
noch einmal gemeinsam Glück erleben,
so wie es früher war.

(Unheilig „Ich würd‘ dich gern besuchen“)

Ich könnte mich vergewissern, dass du alles weißt, was Wichtiges in unserem Leben passiert ist. Und ich würde endlich einmal erfahren, wie es dir ergangen ist. Wie es da so ist, wo du bist…

Bei allen schönen und leichten Dingen, über die wir reden könnten – da gibt es noch etwas, das mich wütend gemacht hat (du weißt, was ich meine)… Aber bevor du starbst, konnte ich dir nicht mehr sagen, dass ich dir verzeihe… Ich habe es dir geschrieben und hoffe, dass meine Worte bei dir angekommen sind.
Aber darüber würde ich gerne noch einmal mit dir reden, denn vielleicht hast auch du noch etwas dazu zu sagen?

Wenn das ausgesprochen und zwischen uns geklärt ist, würde ich dich noch einmal feste umarmen… Und könnte beruhigt und erfüllt von diesem Tag zurückkehren in mein Leben…

Ich würd‘ dich gern besuchen…

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Quelle: Pixabay