Bilder…

Bilder…

Meine Handy-App zeigt mir neuerdings immer Bilder, die ich am gleichen Tag vor X Jahren geknipst habe… Bislang waren das immer Fotos vom letzten oder vorletzten Jahr… Schöne Erinnerungen irgendwie. Fotografiert habe ich ja meist das, was ich schön finde, was toll war – nicht das, was dumm gelaufen ist oder schmerzt.

Heute… Jaaa, heute war es irgendwie anders. Vor einem Jahr hatte ich Urlaub, das war schön… Vor zwei Jahren war auch ein schöner Tag… Herrlich!

Und vor 5 Jahren?!

Seufz… Noch tiefer seufz… Da war ein ganz besonderer Tag, den ich für immer in meinem Herzen trage. In 2014 war dieser Oktobertag wie im letzten Jahr tatsächlich auch noch sehr sommerlich. Die Sonne schien, es war warm und trotzdem wehte ein Hauch von Herbst durch die Luft.
Die Sonnenstrahlen haben mir das Gemüt erhellt. Das tat gut, denn die Tage vor diesem Datum waren einfach schlimm gruselig… Seit dem 10. Oktober war ja meine Welt eine andere und die Angst um Andreas mein täglicher Begleiter…
Somit hatte die Sonne eine besonders große Herausforderung, uns diesen Tag zu erhellen – aber sie schaffte es. Andreas war durch Medikation und Pflege einigermaßen „er selbst“ und war zu Hause. Um das schöne Wetter zu genießen, sind wir ans Meer gefahren.

Leckeres Essen mit Blick auf die Ostsee im Lieblingsrestaurant am Meer… Entspannte Gespräche, ruhiges Schweigen,… Die Angst hatte Pause.
Händchenhaltend an der Wasserkante laufen, sogar eine Weile Arm in Arm im Sand liegen,… Ich habe mir spontan die Hose hochgekrempelt und bin ein Stück im Meer gelaufen – die Füße im Wasser (ja, es war durchaus ziemlich kalt ;0) habe ich das Leben sehr stark gespürt und mich dem Himmel sehr nah gefühlt… Und das wohlgemerkt trotz dieser monströs schweren Zeit drumherum…

Ganz tief seufz…

Tjaaa,… Noch viel tiefer seufz… Das war dann auch der letzte gemeinsame leichte Tag. Es folgte eine Zeit, die enorm bis übermenschlich kraftzehrend war.

Einen Teil meiner Erinnerung an den 19.10.2014 teile ich auf diese Weise mit dir – es ist für mich die stärkste Metapher für „lebe den Moment“. Auch in der schwersten Zeit deines Lebens gibt es sicher solche Momente, die (wenn auch nur kurz) einen Lichtstrahl schicken und Kraft spenden. Ergreife sie, halte sie fest und nutze die Kraft, die sie bringen für dich.

Heute hat meine Trauer mir noch einmal „guten Tag“ gesagt… Mit einem „MOIN“ hat sie sich neben mich gesetzt und den Arm um mich gelegt… Ja, sie kam mir tatsächlich wie eine gute Freundin vor!
Natürlich, es schmerzt, dass diese Erinnerungen unwiederbringlich vorbei sind. Und doch: es ist so bereichernd, dass ich sie erleben durfte und auch im Herzen abrufbereit aufbewahrt habe…

Ich fühlte mich den ganzen Tag hin- und hergerissen zwischen Traurigkeit und Glück – und ich habe das einfach zugelassen und ausgehalten. Das tat gut. Hm, und irgendwann kam dann der Impuls, dass ich diesen Tag gerne mit dir teilen möchte. Somit kommt „Post“ von mir trotz Bootcamp-Auszeit… Auch schön, oder?

Meine Trauer und ich gehen heute Abend was Leckeres essen… Und machen es uns gemütlich… Schön, dass sie da ist

Geschenke…

Geschenke…

Du hast Geburtstag und ich bekomme die Geschenke!!!

Yay… Wie toll!!!
…oder?!

Ich habe nun bestimmt 10mal in den Kalender geschaut und nachgezählt… 5?!? 5 Jahre?!? Der 5. Geburtstag ohne dich??? Egal, wie oft ich zähle. Es bleibt dabei.
Und ich bin irgendwie fassungslos.

Fassungslos und traurig. Nicht zu Tode betrübt, aber traurig… Du fehlst…

Und wieder einmal war ich auf diese Traurigkeit nicht vorbereitet. Mit Fertigstellen des Buches habe ich noch so viele Tränen vergossen, dass ich wirklich dachte, nun sei auch erst einmal wieder gut.
Und überhaupt bin ich doch momentan so glücklich und lebendig – wie passt es da, dass ich dich vermisse?

Tja, ich habe aufgehört mit dem Versuchen, diese Gefühle zu verstehen. Sie sind halt da.

Zurück zu den Geschenken:

Ich fühle mich reich beschenkt, denn ich habe Menschen in meinem Leben, mit denen ist eine ganz fantastische Bandbreite an Gesprächen möglich.

Ohne deinen Tod hätte ich diese Menschen so nicht getroffen… Ich weiß ja nicht, wie es so ist, da, wo du jetzt bist – aber ich kann mir gut vorstellen, dass du mich um diese Begegnungen beneidest… beneiden würdest?! Hm, für solche Formulierungen gibt es im Deutschen wohl nicht die richtige Zeitform ;0)

Wenn ich so überlege, sind das Menschen, die den Tod direkt gespürt (im Sinne von erlebt oder gesehen) haben oder die ihn ganz direkt in ihrem Leben aushalten können. So viel Lebendigkeit ist möglich, wenn man den Tod als Zeichen der Endlichkeit akzeptiert.

Gerade auf der Messe „Leben und Tod“ habe ich viele solcher lebendigen Gespräche geführt: in der einen Minute fällt man sich vor Wiedersehensfreude um den Hals und lacht schallend über ein ulkiges Erlebnis – in der nächsten erzählt man auf einmal, wie man dem Tod begegnet ist.

Facebook-Verknüpfungen in die Realität holen, virtuelle Blog-Bekannte live und in Farbe treffen (liebe Grüße an die Waldträumerin!),… Ein Geschenk, was für herzliche Verbindungen aus diesen sehr oberflächlichen Medien entstehen!

Wertvoll, wenn man Menschen begegnet, mit denen man sehr kurzfristig und echt zwischen lustig und tief wechseln kann. Selten, deshalb besonders. Danke!

(Stefan Bitzer)

Das finde ich so schön und treffend formuliert, dass ich gefragt habe, ob ich es hier in meinen Blog kopieren darf (danke Stefan!).

Noch ein Geschenk 💙

Ja, und das sind teilweise wirklich krasse Schicksalsschläge, die man sich da berichtet. Manchmal auch Geschichten, bei denen mir der Gedanke kommt „ich könnte das nicht aushalten“ (obwohl ich ganz genau weiß, dass das so nicht stimmt – und: würde ich glauben, dass ich meine eigenen Erlebnisse (er)tragen könnte, wenn ich sie nicht bereits erlebt hätte?!?).
Ich kann gut verstehen, dass nicht jede oder jeder es aushalten kann, frei darüber zu sprechen, sondern sich lieber hinter einer Maske oder in sich selbst versteckt… Und auch nicht jeder oder jede kann nach solchen Erzählungen von ganz persönlichen Dramen lachen und Witze machen…
Umso mehr schätze ich es, wenn man mir mit der gleichen Offenheit und Ehrlichkeit begegnet, die ich für mich als selbstverständlich erachte…

Mir gibt das eine ganz besondere Freiheit und Leichtigkeit… Ohne Maske ist Fliegen möglich… Und dann schaffe ich es manchmal, einen übergeordneten Blick zu finden

Vom Mond aus betrachtet, spielt das Ganze gar keine so große Rolle.

Oder aber von über den Wolken… Danke, liebe Silke, für dieses Foto (wieder ein Geschenk), das ich hier so passend finde:

Freunde geben die nötige Leichtigkeit in Zeiten der Trauer
(c) Silke Kaiser

…und wenn ich schon da oben herumschwebe, fühlt es sich fast so an, als könne ich dir winken…

Danke, dass du in meinem Leben warst und dass durch dich mein Leben eine so besondere Wendung genommen hat…

Träne aus dem Augenwinkel wischen (schluchz, doch mehr als eine…) und dankbar lächeln…

Alles Liebe zum Geburtstag, Andreas ♥♥♥

…und dann?!?

…und dann?!?

Die lieben Totenhemd-Bloggerinnen haben zu einer Spontan-Blogaktion im Februar gerufen… Und ich fühlte mich von den Fragen inspiriert:

  • Wie stelle ich mir das Leben nach dem Tod vor?
  • Was kommt nach dem Tod?
  • Welcher Gedanke, welches Bild tröstet mich?

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit war meine Antwort auf das „danach“ ganz simpel:

tot ist tot!

Wenn ist sterbe, dann ist Schluss. Fertig. Punkt.

Diesen Gedanken finde ich auch weiterhin ganz attraktiv:

RUHE!

Die Vorstellung hat etwas Friedliches für mich. Ein Gefühl von „geschafft“.
Vielleicht auch so, als würde man über die Ziellinie rennen, alle jubeln und freuen sich… Applaus! Und dann drückt jemand die Stopptaste und der Film endet…

Schön, oder?

Najaaa…
Aber wie geht es weiter? Das fragt man sich doch sofort, wenn ein Film abrupt endet und man mit der Hauptakteurin so tief verbunden ist.
Die große Regisseurin zuckt dann nur bedauernd die Schultern: „Das Engagement dieser Schauspielerin wurde nicht verlängert.“

Hmpf… Was ist mit der Hoffnung darauf, die vielen Menschen wiederzusehen, die aus meinem Leben schon weggestorben sind?
Ich freue mich doch schon so darauf: Wir alle mit baumelnden Beinen auf einer Wolke da oben. Kichern darüber, worüber die da unten sich so aufregen… Was da unten so groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein… Reinhard Mey hatte also Recht…

Über den Wolken…

Aber Moment mal… Das ist mir echt zu kitschig… Tragen wir gar alle weiße lange Hemdchen und haben Engelsflügel?!? Ochnööööööö…

Also doch: Schluss, aus, Ende…?

Das passt nicht recht zu meinen etwas spirituellen Gedanken oder etwa Begegnungen
Etwas bleibt von uns – da bin ich ziemlich sicher. Nur glaube ich (zumindest aktuell) nicht, dass wir als Personen wiedergeboren werden oder in Parallelwelten wandeln…

Ich finde dieses Bild sehr tröstlich: unsere Seele, die bleibt. Nicht als Form oder Ding oder in irgendeiner anderen Weise vorstellbare Existenz. Sie ist bereits in uns (im Leben) nicht greifbar, sondern etwas Schwebendes – wie eine Wolke aus mini-mini-mini-mini-mini-…-Partikeln. Jedes dieser winzigen Anteile enthält unsere komplette Existenz. Erlebnisse, Gefühle, Eigenschaften, Erinnerungen, Schmerz, Lachen, Freude, Trauer,… Alles, was uns ausmacht. Stirbt unser Körper, so wird diese Wolke frei… Wer in unserer Nähe ist, kann etwas davon einatmen und bei sich tragen. Die Wolke bleibt wie sie ist oder teilt sich mit dem Wind… So ist es möglich, dass Begegnungen stattfinden können. So können wir auch nach dem Tod sehen, wie es weitergeht – ohne Handeln zu müssen…

So, haltet mich für verrückt, aber diese Idee finde ich schön. Vielleicht ist es so, vielleicht ist es anders… Wenn es ganz doof läuft, werde ich nach meinem Tod wiedergeboren als Kieselstein und liege irgendwo rum… Bestenfalls an einem schönen Meeresstrand… Hm, zumindest Geduld würde ich dann lernen ;0)

Mir hat das Beschäftigen mit den Fragen sehr viel Freude bereitet – und meine Idee wurde erst beim Schreiben konkreter. Wie siehst du das?

Wie auch immer: Angst vor dem „Danach“ habe ich nicht. Ich bin einfach gespannt… Vielleicht werde ich es erfahren, vielleicht ist auch einfach…

…Schluss.

Memento mori

Memento mori

November bedeutet: Totenhemd-Challenge-Zeit! Es ist wieder soweit: Petra Schuseil und Annegret Zander rufen mit ihrer jährlichen Blog-Challenge auf:

Memento mori – werdet kreativ!

Also eigentlich hatte ich was Kreatives vor – aber da der Zustelldienst meine Lieferung sonstwem geliefert hat (jedenfalls nicht mir), musste ich umdisponieren…

Ich möchte euch gerne an meinen Erinnerungen teilhaben lassen: heute vor 4 Jahren ist mein Liebster gestorben… Ein Brief in den Himmel ♥

…aaaber, ich schreibe nicht an Andreas – wie ich es erst vorhatte – ich schreibe an jemand anderen:


 

Lieber Tod,

ich schreibe dir – dabei hätte ich viel lieber meinen Andreas gerade heute, gerade JETZT neben mir… Vorhin hatte ich kurz das Gefühl, er sei da… Kann das sein? Oder hast du mir mit einem Hauch zeigen wollen, dass ich noch hier und am Leben bin?!

Ja, ich lebe… nur heute schmerzt dieses Leben unfassbar! Ich tauche durch Erinnerungen, die weh tun, denn ich vermisse ihn gerade sooo sehr. Warum hast du ihn mitgenommen?!

Er fehlt mir sooo…

Ich erinnere mich an diesen letzten Abend, bevor Andreas starb… Er war ganz unruhig, wollte unbedingt aufstehen, obwohl das zu dem Zeitpunkt nur noch mit meiner Hilfe und ganz viel Mut und Kraft zu machen war. Sein Körper war schon so weit eingeschränkt… Aber da ihm das so wichtig war (ich weiß gar nicht mehr, wie er mir das zu verstehen gab – sprechen war schließlich auch nicht mehr möglich?!), habe ich ihm diesen Wunsch erfüllt… Er wollte partout auf der Couch sitzen. Für Sohn und mich war „Voice of Germany“-Zeit – da wollte er gerne dabei sein und fernsehschauen. Ich weiß noch, wie anstrengend das für ihn war… Aber wir saßen tatsächlich ungefähr 5 Minuten alle drei einträchtig gemütlich auf der Couch… Aneinander gekuschelt fühlte sich das tatsächlich so herrlich vertraut und „normal“ an… Seufz…

Nach diesem innigen Moment war es, als hättest du bereits im Raum gestanden, um nach uns zu schauen… Vermutlich hast du dich doch erweichen lassen, als du uns so gemeinsam gesehen hast, oder? Ich hatte plötzlich das Gefühl, es gäbe einen kleinen Aufschub für uns. Und doch war da dieser kalte Schauer gefühlter Endlichkeit.

Danke! Danke für diesen schönen letzten gemeinsamen Moment… Danke für diese letzte Nacht, die noch so liebevoll und innig und ohne Ängste verlaufen durfte… Danke, dass du mir nicht übel genommen hast, dass ich dich nicht wahrhaben wollte… konnte…

Ach, was habe ich mit dir gerungen, wollte dich weder sehen noch akzeptieren… Du hast das ignoriert – hattest deine Vorgaben, Pläne oder irgendwelche Gründe… Du hast mir schließlich meinen Herzensmenschen einfach so gestohlen. Dabei hatten wir doch Pläne und Träume… Ich war so unerhört wütend auf dich!

Weißt du, ich hätte so sehr eine Erklärung gebraucht von dir: warum muss ein so junger Mensch sterben? Wo ist da der Sinn? Was hast du dir dabei gedacht???????

Ich habe bis heute keine Antwort auf diese Fragen… Mittlerweile habe ich das akzeptiert: es gibt einfach keine Antwort. Nicht jetzt. Aber glaube mir: ich hebe mir diese Frage auf! Eines Tages, da begegnen wir uns ja auch direkt und persönlich. Dann mach‘ dich darauf gefasst, dass ich dir einiges um die Ohren hauen werde!
…vielleicht aber werde ich auch dann bereits verstanden haben… Wer weiß.

Was ich nun zu verstehen glaube ist ein großes Geschenk, dass du mir ganz nebenbei dagelassen hast (war das Absicht?):

Ich soll end-lich leben!

Mit Haut und Haaren, mit Liebe aus vollem Herzen, Glück aus tiefster Seele, unaushaltbar scheinendem Schmerz, schallendem Lachen, tränengerührten Gesprächen, erquickender Musik,… Die ganz große Achterbahn mit drölfzig Loopings! Her mit dem Leben!

…und das tue ich! Neulich gerade habe ich mich darüber beschwert, dass diese Achterbahnfahrt so immens anstrengend ist – aber, weißt du was? Sie ist soooooo großartig, denn sie lässt mich das Leben mit voller Wucht und in so großer Bandbreite spüren, dass es diesen Kraftakt sowas von wert ist!

Tschakkaaaaa!

Pläne, die mache ich nur noch kurzfristig in absehbarer Zeit – und zwar so, dass ich es ganz unproblematisch finde, wenn sie nicht umgesetzt werden können. Träume… ja, die gibt es. Aber ich träume nicht lange vor mich hin: meistens braucht es nur einen Ruck, um sie Wirklichkeit werden zu lassen… Und wenn nicht, sind sie auch einfach nicht so wichtig.
Ich fühle mich noch weit davon entfernt, dass ich so lebe, als könnte ich jeden Moment sterben und das wäre okay. NEIN! ICH WILL NOCH NICHT! Ich möchte bitte noch hier bleiben!

Aber ich sehe dich jetzt, lieber Tod! Ich verstecke mich nicht, sondern ich nutze die Zeit, die ich habe.

…und wenn du dann eines Tages zu mir kommst, werde ich bereit sein. Ich glaube, wir werden uns wie Freunde umarmen und ich werde mich freuen, mit dir gehen zu dürfen. Das wird nämlich eine große Ehre sein und die Ängste, die wir Menschen uns hier zusammenreimen, sind einfach komplett irrsinnig…

Bis dahin sei aber so gut und gib mir Zeit, ja? Ich möchte mein end-liches Leben genießen!!!

Deine Anja

PS: …untersteh‘ dich und hole meinen Sohn vor mir ab! Dann bist du fällig!

PPS: …denk‘ dran, ich erwarte eine Antwort auf meine Fragen!


 

Ein herrlicher Erinnerungsnachmittag im Ruheforst… Es sind viele Tränen geflossen, denn ich kann es kaum fassen, dass es 4 Jahre her ist, dass du sterben musstest… Ich fühlte mich dir ganz nah… Und gleichzeitig warst du so weit weg…

Da war dieser Raubvogel, der eigentlich auf Beutezug war und dann auf einmal zu uns flog… Magisches Licht im Wald… Wind von Ost, der das Meer aufwühlt… Laubrascheln…

Wir haben dir einen „waldgerechten“ Altar aufgebaut. Rosenblätter, eine Muschel vom Strand, ein Brief, ein Herz aus Vogelfutter… eine Kerze, damit du uns leuchten sehen kannst… Das Windlicht haben wir wieder mit heim genommen, denn das darf ja im Wald nicht stehen bleiben…

…wish you were here!

Fenster…

Fenster…

Sehr seltsam… Seit einiger Zeit schlafe ich wieder bei geöffnetem Fenster… Ja, ich weiß – bei dieser Hitze momentan ist das wohl unausweichlich – aber auch vorher schon ist es mir aufgefallen.

Warum das seltsam ist? Seit Andreas‘ Tod habe ich die Fenster nachts geschlossen gehalten. Das Leben draußen war mir zu laut, zu unruhig, zu aufmerksamkeitsheischend, zu… Zu halt… Ich konnte es nicht aushalten – war der Schlaf doch so schwer zu finden, den wollte ich nicht auch noch von außen gestört wissen. Zu kostbar jede Minute, die der schwer mit dem Leben kämpfende Körper endlich einmal die wild in tiefe Tiefen kreisenden Gedanken besiegt und zur Ruhe gekommen ist.

Nun scheint dieser Kampf irgendwie ausgekämpft und ich wieder offener für eine Öffnung nach Außen zu sein…?

Mir schießt dazu immer wieder dieser Spruch bzw. dieser Brauch durch den Kopf, der zum Tragen kommt, wenn jemand stirbt:

Öffne das Fenster, damit die Seele davonfliegen kann…

Als Andreas starb, habe ich das ganz automatisch getan – ohne auch nur im Mindesten darüber nachzudenken… Einzig die Bestätigung der Begleiterin vom Palliativdienst im Sinne von „ja, das ist gut, dass du das Fenster öffnest, dann kann seine Seele davonfliegen“ hat meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt.

Braucht die Seele ein Fenster?

Aber: braucht die Seele tatsächlich ein Fenster, um davonzufliegen? Geht das nicht „einfach so“? Warum muss das Fenster offen sein?
Vielleicht ist es ja auch eine Art Beschäftigungstherapie für die Begleitenden. Wenn man die ganze Zeit im „Helfen“-Modus gefahren ist und der Mensch, den man begleitet, stirbt, dann gibt es von jetzt auf gleich nichts mehr zu tun. Dann kann man wenigstens das Fenster öffnen und einmal tief durchatmen ;0)

Denn die Seele oder was immer bleiben mag, wenn jemand stirbt – und ich bin fest davon überzeugt, dass etwas bleibt – ich denke, dass es noch eine Weile ganz dicht um uns bleibt. Nicht im Körper, der bis zum Tod belebt wurde, aber doch irgendwie präsent.

Noch wichtiger als das Fensteröffnen war für mich persönlich das bewusste Abschiednehmen… Das Begreifen, dass er nun wirklich tot ist.
Dazu fand ich die Begleiterin des Palliativdienstes einfach bereichernd: sie war da, hat mich ganz fest in den Arm genommen (zwischen der mir bis dahin gänzlich unbekannten Frau und mir war angesichts des Todes eine spontane Nähe – sehr schön!) und mich auch ermutigt, mich mit dem toten Körper zu befassen – ich danke dir von Herzen, du Liebe, dass du so sehr und so besonders für mich da warst ♥

Diese letzten Kontakte, sie waren und sind so unsagbar wertvoll für mich. Ihn zu berühren, im wahrsten Sinne „begreifen“ zu können, dass er nun tot ist – ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne diesen Kontakt hätte verstehen oder gar akzeptieren können…

Diesen Menschen, den man lebendig so oft berührt, umarmt, gestreichelt hat – den man von oben bis unten und von hinten und von vorne in und auswendig zu glauben kennt… Mit dem Tod wird er auf einmal unheimlich (mir jedenfalls). Haben wir das in unserer Gesellschaft so gelernt? Ich habe jedenfalls zuvor nie einen Menschen beim Sterben begleitet und Andreas war auch der erste Tote, den ich erlebt habe.

Bis dahin habe ich mich immer an dem in unserer Gesellschaft so verbreiteten Ausspruch festgehalten „behalte ihn/sie so in Erinnerung, wie du ihn/sie gekannt hast“.
Ja, klar, es ist leichter, den Menschen so im Kopf zu behalten, wie er erfüllt von blühendem Leben durch die Welt marschiert ist – aber ist das tatsächlich leichter?!? Wie bitte schafft der Verstand es dann, nachzuvollziehen, weshalb dieser Mensch auf einmal in einer Holzkiste oder einem vasenähnlichen Gefäß verschwunden ist? Da fehlt doch etwas?

Berührungsschreck…?

Nun war da diese Frau, die mich fragte, ob ich Andreas mit ihr gemeinsam waschen würde?

What?!? Ich soll einen Toten anfassen?!? Neeeeeein!!!

Doch! Hab ich! Und es tat so gut! Es hatte überhaupt gar nichts Unheimliches, sondern war ein Teil des Begreifens, dass er nun nicht mehr lebt – dass das, was wir da waschen, nur seine Hülle ist.
Mir dann zu überlegen, was er wohl am liebsten getragen hätte im Sarg – tieftraurig und doch so begreifend. Schließlich wusste ich genau, was er am liebsten trug. Das sollte er nun auch anziehen. Ganz praktisch etwas zu tun – die Kleidungsstücke zusammensuchen – hat mich in der Realität gehalten, hat mir dabei geholfen, nicht umzufallen.

Ich bin auch sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit genutzt habe, ihn noch ein wenig zu Hause zu behalten… Der Hausarzt kam, hat die offiziellen Untersuchungen durchgeführt (da war ich nicht dabei – ich glaube, das ist auch etwas, das man sich ersparen sollte…?), den Totenschein ausgefüllt – die automatische Folgerung wäre eigentlich, den Toten vom Bestatter abholen zu lassen.
Ich bin von dem von mir gewählten Bestatter in keinster Weise begeistert – schön war aber der Hinweis, dass der Körper nicht sofort abgeholt werden muss, sondern er noch eine Weile bleiben kann, wenn wir das möchten. Sie seien 24h erreichbar und kämen jederzeit, wenn sie den Verstorbenen abholen sollen.*

Nach und nach die Veränderungen seiner Hülle zu beobachten war direkt ein bisschen spannend – mein Sohn war nach den ersten Berührungsängsten ganz fasziniert und hat bei jeder Gelegenheit Bericht erstattet.
Für uns war es so leichter, Andreas‘ Körper abholen zu lassen. Ja, es hat mich vor Schmerz zerrissen, als die Männer vom Bestattungsinstitut ihn abgeholt haben – aber trotz alledem war es okay, denn sie haben mir nichts nehmen können, das nicht schon fort gewesen wäre…

Puh… Auch nach all‘ der vergangenen Zeit ist es sehr intensiv für mich, hierüber zu schreiben…

Ich bin aber dankbar und in Frieden mit diesem Abschied.

Woher aber kam nun dieses „Phänomen“, dass ich seit diesem Abschied nicht mehr bei geöffnetem Fenster schlafen konnte? Wollte ich all seine Energie im Haus halten? Die Luft, die er geatmet hat, weiter atmen? Nein, das passt nicht, denn frische Luft tat mir total gut… Ich denke, es war eher diese Überempfindlichkeit gegenüber allen Einflüssen von außen. Diese gefühlte Schutzlosigkeit gegenüber dem Leben… und dem Tod…
Da war Ruhe extrem wichtig.

Nun darf das Fenster also wieder geöffnet bleiben, während ich schlafe…
Ist das ein weiterer Abschied? Nein – einfach nur schön… Es ist einfach so passiert… Wandel durfte stattfinden…

Ich stelle mich ans Fenster und atme tief ein… und aus… Hach, Leben!

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Foto: Pixabay

* Wusstest du, dass Verstorbene eine Weile zu Hause bleiben dürfen, bevor sie vom Bestattungsinstitut abgeholt werden? Bis zu 36h sind offiziell gestattet – es ist aber meines Wissens noch niemand verhaftet worden, der diese Frist überschritten hat und es gibt prominente Beispiele, die von einer längeren Aufbahrung berichten.

Frage beim Bestatter nach, wenn du unsicher bist – wenn du sicher bist, was du tun möchtest, dann frage nicht (wer viel fragt,… Und so ;0)

Es gibt zu dem Thema eine schöne Folge von „Talk about Tod“ vom Bestattungsinstitut Pütz-Roth. Hör doch mal rein…

Und: wusstest du, dass jemand, der im Krankenhaus verstorben ist, auch noch einmal nach Hause überführt und aufgebahrt werden darf?

Dieses Aufbahren ist sicher nicht jedermanns Ding – ich habe mich früher richtiggehend davor gegruselt und mich bei jeder Gelegenheit davor gedrückt. Heute empfinde ich es als seeeeehr wertvoll, auf diesem Wege Abschied zu nehmen. Und ich finde es wichtig, dass wir mehr und mehr solche Abschiede als natürlich akzeptieren (egal, ob wir es nun selbst tun würden oder nicht).

Wie immer: lass dich von Herz und Bauch leiten… ♥