Bootcamp…

Bootcamp…

Ich drücke die „stopp“-Taste und ziehe mich ein wenig zurück… Wie sehr weiß ich noch nicht genau, aber die nächsten 1 1/2 Monate sind Zeit für mich 💙

Geschenkte Zeit… Ich brauche sie und werde sie für mich nutzen. Dabei höre ich verstärkt auf meinen Bauch und meine Seele – vielleicht tust du es mir gleich, auch wenn du in deinem Alltag bleibst?!

Die Akkus wollen aufgeladen werden… Ich freue mich auf gute Gespräche, viel Sport und Bewegung in der Natur… Herbstlaub… Gedankenfliegen- statt Drachensteigen lassen 🎈
Was tut dir gut, um aufzutanken?

Vielleicht poste ich ab und an was, vielleicht auch nicht – auch hier höre ich auf mein Herz, wonach mir ist…

Ich habe für diese Auszeit einen schönen Überbegriff geschenkt bekommen (daaanke 💙):
BOOTCAMP – so herrlich passend…

…ich bin dann mal weg!

Auf bald! Herzlich,
Anja

Moin!

Moin!

Also manchmal… Manchmal drehe ich mich suchend um mich selbst und würde am liebsten rufen:

Wer hat denn das bestellt?!?

Es gibt ja echt Phasen, da denkst du, dass irgendwie alles, was schief laufen kann, auch definitiv schief läuft: Zack, noch einen drauf… Ach, und schau mal das hier: Zack…

Durch die ersten Probleme boxt du dich durch. „Es ist eine Phase. Die geht vorbei. Wird schon. Durchhalten. Ich schaffe das!“

Aber irgendwann fragst du dich: „Was denn noch alles?!“ und es fühlt sich an, als dauere diese „Phase“ laaange… Viel zu lange. Vielleicht hört sie auch einfach nicht mehr auf?!?

„Die ist stark, die hält das aus!“

Nee, hält sie eben irgendwann nicht mehr, auch wenn sie noch so stark ist. So ein Marathon war nämlich nicht geplant. Dafür hat sie nicht trainiert…

…und als Freundin oder Freund stehst du daneben und bist auch irgendwie hilflos. Du bist einfach da, hörst zu, hältst (mit) aus, schenkst Umarmungen, trocknest Tränen,… Was richtig gute Freunde halt so tun… Wunderbar, und doch…

Freundschaft alleine reicht vielleicht einfach nicht aus, wenn da jemand nicht an, sondern über seinem Limit ist und in die Knie geht.

Oh, diese Blicke… Besorgt, bekümmert, und doch vor allem eines: ratlos…

Was kann man denn bloß tun, damit es ihr/ihm wieder besser geht?! Ich sehe, dass du leidest und kann doch nichts tun.

„Das ist ja kaum auszuhalten!!!“

Stimmt genau! So ist es. Es ist so unsagbar schwer auszuhalten zu sehen, dass es jemandem nicht gut geht. Dieser Mensch ist mir doch so wichtig und ich würde alles tun, damit sie/er es wieder leichter hat.

Braucht es professionelle Hilfe? Und wie kommt man da ran?! Ich denke, meist sieht man den Bedarf sehr viel früher als der/die Leidende es selbst bemerken kann. Da ist es eine riiiiiiesige Herausforderung, die richtige Balance zu finden. Gebe ich einen Hinweis? Und wenn ja: wann?
Wichtig finde ich, dass letztlich die Entscheidung, Hilfe von „außerhalb“ einzufordern, beim Leidtragenden selbst liegt. Das kann niemand abnehmen oder übernehmen – das ist sowas wie übergriffig oder gar entmündigend. Warte (möglichst geduldig) ab, ob du etwas übernehmen/abnehmen sollst…

Lass dich ermutigen: denke daran, dass Ratschläge auch -schläge sind… Du findest sicher den genau richtigen Weg, um deine/n FreundIn zu erreichen!

…aber manchmal ist professionelle Hilfe gar nicht das „Mittel der Wahl“ und trotzdem kann man einfach „nichts“ tun… Außer Da-sein und Aushalten. Das ist schwer und fühlt sich oft so an, als tue man nicht „genug“ – dabei ist es ein so großes Geschenk für den Menschen, der es gerade so schwer hat.

Dann noch die „richtigen“ Worte finden… Puh, was kann ich bloß Aufmunterndes sagen?!

„Schau, das Wetter ist doch so schön. Geh‘ doch mal spazieren.“

„Guck nach vorne – das Leben geht weiter.“

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!!! Bitte nicht!

Natürlich stimmt das alles und ist gut gemeint. Aber nein: es hilft nicht! Bullshit sagt man dazu – und wenn du magst, kannst du gleich Bingo spielen (klick – hier findest du eine von TrauerbegleiterInnen erstellte Sammlung für ein Trauer-Bullshit-Bingo*).

Katy von Seelensport* hat hier auch hilfreiche Worte gefunden: klick

Hm, was sage ich denn dann?!

Meine absolute Lieblingsphrase heißt momentan:

„Moin“

…und zwar seit ich eine Postkarte entdeckt hatte, auf der stand „Ein Moin sagt mehr als 1000 Worte“.

Okay, das ist jetzt sicher ein wenig Norddeutsch-speziell. Vielleicht passt im Süden eher ein „Griaß di“ oder so?! Asche auf mein Haupt, ich habe keine Ahnung, was ein passendes Pendant wäre ;0)
…oder passt das „Moin“ nach meinem Text einfach überall für alle?!

Egal… Was ich sagen will ist, dass so ein knapper Gruß so viel ausdrücken kann, was nicht gesagt werden kann oder muss. Nur statt vor lauter Angst, etwas Falsches dann lieber gleich gar nichts zu sagen – dann doch lieber sowas Kurzes, von Herzen Kommendes.

Beide Seiten können ihre ganz eigene Interpretation hineinlegen. Am Ende bedeutet es für jede/n etwas Anderes?! Auch egal… Was zählt, ist das Signal, finde ich:

Da denkt jemand an mich und sieht, wie es mir geht

Ich finde, dass so ein Gedanke schon enorm hilft und Kraft gibt. Nein, das ganz persönliche Leid ist dann nicht weg… Aber vielleicht, ganz vielleicht huscht die Andeutung eines Lächelns übers Gesicht ♥

Wenn man es (gemeinsam) durch diese schwere Zeit schafft, ist irgendwann früher oder später auch ein Ende dieser Kraftlosigkeit unter Belastung abzusehen… Eine Phase darf enden und es ist wieder Zeit, Luft zu holen:

Die Boxhandschuhe an den Händen… Trippelnd… Bereit für das, was da kommt…..

„Liebes Leben, du schaffst mich nicht! Ich bin nicht alleine – ich boxe mich da durch und wachse!!!“





* Werbung aus Überzeugung ;0)

Nähe zulassen…

Nähe zulassen…

Ich komme zurück von einem Samstagabend: Restaurantbesuch, Lachen, Reden, Quatsch machen,… Zuhause überrollen mich die Fragezeichen: wie kann es sein, dass ich dir nicht von meinem Abend erzählen kann, weil du tot bist?!
Letztendlich muss ich dir nichts erzählen, weil du sowieso immer in meinem Herzen dabei bist. Aber manchmal geht mir dieses „immer da aber nie hier“ mächtig auf die Nerven…

In diesen Momenten kommt sowas wie Wut in mir hoch, denn manchmal fühlt sich das an wie eine schwere Verantwortung: ich darf dich nicht vergessen…
…und dabei will ich das doch auch gar nicht. Aber echt: ab und zu wäre das Leben wirklich leichter als mit dieser Erinnerung!

Schwere Aufgabe

Vielleicht, ja vielleicht ist es gerade meine Aufgabe, mit dieser Schwere umso höher zu hüpfen?!

In mir tobt und braust nämlich momentan ganz viel herrlich übersprudelnde Lebensfreude… Ich verbringe viel Zeit mit Menschen, die mich bereichern und glücklich machen. Ich unternehme viel, bin viel unterwegs. Lerne neue Menschen kennen…

…ui, und diese Menschen wissen ja nicht, welche Geschichte ich mitbringe. In letzter Zeit habe ich daher auch wieder viel häufiger als sonst über Andreas‘ Tod erzählt. Und auch ab und zu vom leiblichen Vater meines Sohnes… Und wenn ich das so erzähle, fühlt sich das auf einmal tonnenschwer an: alter Schwede… Was ist dir denn da bitte alles passiert?! Und du stehst noch aufrecht?!

Ja, das tue ich. Und ich bin stolz darauf, merke ich.
Denn, dass ich mein Schicksal so verarbeitet habe, wie ich es getan habe, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit (auch, wenn es sich für mich total natürlich und selbstverständlich anfühlt)!

Es ist meine Entscheidung gewesen, meinen Weg so zu gehen. Manches Mal fühlte es sich an, als habe ich keine Wahl, als wäre da eine große, unbezwingbare Macht am Werk – aber dennoch habe ich nie die Option gewählt, aufzugeben. Das hat irre viel Kraft gekostet, ja. Aber quasi als Belohnung kommt diese Kraft zu mir zurück: doppelt und dreifach und berauschend.

Meine größte „Zauberkraft“ habe ich dabei auch entdeckt: Humor!

Meinen Humor habe ich geschenkt bekommen… Ich habe nie bewusst etwas dafür getan. Dennoch habe ich ihn nie als das gesehen, was er für mich ist: eine Ressource! Und was für eine!

Ich erinnere mich an die Ausbildung zur Trauerbegleiterin… Eine Übung war die „Ressourcendusche“. Mir sind einige meiner Ressourcen spontan eingefallen, dann stand ich aber auf dem Schlauch. Die Supervisorin hat mit Fragen unterstützt und auf einmal war es klar: „Humor“
Wenn ich den Clown zücke, kann ich Sorgen weglachen und Bedenken einfach wegwortwitzen. Das ist besser als jeder Zauberstab je hexen kann!

Dieser Humor hilft mir dann auch mit einer gewissen Leichtigkeit über Gesprächshürden zu hüpfen… Denn stell‘ dir bitte einmal vor, du lernst jemanden neu kennen und der ist neugierig, wie du lebst. Warum ist da kein Partner, kein Vater zum Kind? Lief es nicht gut?
„Was war los? …hast du ihn vergiftet?!“
…Schweigen meinerseits…
…Überlegen… Schreie ich?! Lache ich?! Stehe ich auf und gehe?!
…Wahrheit sagen: „Nein, aber er ist trotzdem tot.“

„…hast du ihn vergiftet?!?“

Ich gebe zu, man kann in so einer Situation panische Fluchtgefühle verspüren. Ich habe das ausgehalten und fasziniert beobachtet, wie meinem Gegenüber die Spucke wegblieb, nur fähig zu einer schnellen, verdatterten Entschuldigung…
…und schließlich haben wir beide gelacht über diese völlig abstruse Situation. Wie wohltuend, wenn anschließend dann auch die Türen geöffnet sind für weitere Fragen und es mir möglich ist, meine Geschichte zu erzählen……

Dennoch bleibe ich für viele diese „seltsame Frau, der zwei Männer weggestorben sind“. Das sind Menschen, die mit solch einer Informationen nicht umgehen können, bei denen ein „Schockmoment“ hängen bleibt. Ihre Überforderung lässt keine andere Facette meiner Persönlichkeit zum Tragen kommen… Wenn ich dann noch erzähle, dass ich mich sehr gerne intensiv mit Sterben, Tod und Trauer beschäftige… Ui, dann sieht man manchmal direkt ein „P wie Panik“ in den Augen des Gegenübers.

Nur: brauche ich Menschen in meinem Leben, die solche Informationen nicht aushalten können? Die mich nicht als „ganze Person“ betrachten können? NEIN!

Wie wunderbar, dass einzelne Menschen neugierig und eher entspannt mit meiner Geschichte umgehen. Und mit diesen Menschen beginnt dann ein für mich neues „Abenteuer“:

Wie nah darf mein Gegenüber kommen?

Damit meine ich nicht die körperliche Seite: mit Umarmungen bin ich durchaus großzügig ;0)

Was erzähle ich von mir? Wie sehr gehe ich ins Detail? Wie offen rede ich über meine Gefühle?
Wie offen bin ich für die Geschichte meines Gegenübers?
Wie sehr lasse ich mich „zähmen“?


»(…)Was bedeutet ›zähmen‹?«

»Das wird oft ganz vernachlässigt«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet ›sich vertraut miteinander machen‹.«

»Vertraut machen?«

»Natürlich«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich nur ein kleiner Junge, ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter Hundertausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt …«

(Gespräch zwischen dem kleinen Prinzen und dem Fuchs aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry)


Mache ich mich mit jemandem vertraut, mache ich mich ein ganzes Stück verletzlich. Gleichzeitig lasse ich zu, dass mir jemand wichtig wird und das kann Angst machen. Jemanden, der mir wichtig ist, den möchte ich nicht „noch mal“ verlieren….. Das ist keine rationale Angst, das ist mir klar. Aber diese Angst kommt zu Besuch.

Diese Besucherin ist wenig willkommen, denn sie ist unbequem. Mit unbequemen „Gästen“ habe ich ja aber mittlerweile Erfahrung und es gilt, sie anzunehmen. Lasse ich aufkommende Panik beiseite und setze mich in Ruhe neben meine Angst, schaue sie an und frage sie dann, was sie von mir erwartet – dann komme ich ins Gespräch mit einer sich sorgenden Freundin. Wem schon einmal jemand Nahestehendes weggestorben ist, der möchte gerne die Kontrolle behalten: so etwas Unkontrollierbares wie der Tod darf nicht noch einmal passieren – wie soll ich das aushalten können?!?
Aber:

Ich kann nicht alles kontrollieren, wenn ich leben möchte.

Das Leben hat seine Unwägbarkeiten, Risiken und auch immer ein wenig Drama im Repertoire. Die Sonnenseite mit Glück, Freundschaft, Liebe und bereichernden Erlebnissen ist jedoch so wundervoll – das will ich doch auf gar keinen Fall verpassen?!?!

Lasse ich mich also auf dieses Abenteuer des „sich vertraut Machens“ ein: ich gewinne wundervolle Lieblingsmenschen… Durch das Erzählen meiner Geschichte lasse ich Stück für Stück ein wenig von der Last von mir abfallen… Wer stark genug ist, mich so auszuhalten, wie ich bin – der bietet mir im Gegenzug eine starke Schulter, an der ich mich anlehnen und ausruhen kann…

Meine Schritte sind manchmal forsch und schnell, manchmal zögerlich und durchaus vorsichtig – aber ich freue mich über jeden einzelnen…

Wie schön, wenn ich mich zwischendurch anlehnen kann, um Kraft zu schöpfen:

Danke ♥

Weitergehen…

Weitergehen…

Tja, wie kommt man denn nun mit so einem Durchhänger klar? Mit viel Liebe und Geduld, denke ich.

Geduld vor allem mit mir selbst. Ich habe meine viel zu voll gepackten Tage freier geräumt. Das fällt mir nicht leicht, denn schließlich habe ich diese Verabredungen bewusst und mit Vorfreude getroffen. Ein paar Termine musste ich absagen. Ich fühlte mich dabei irgendwie „kaputt“, obwohl doch Herz und Verstand genau wissen, dass das nicht wahr ist…

Liebe ist da die Lösung: Annehmen, was da ist. Ich darf mich selbst so liebhaben, wie ich gerade bin. Ich merke doch, wie gut mir das tut ♥

Die Schritte waren anfangs etwas langsamer, vorsichtiger. Dennoch bin ich Schritt für Schritt weitergegangen. Die Schwere hatte ich dabei wie einen warmen Mantel umgelegt. Ruhige Momente habe ich genossen, auch wenn das kleine fröhliche Mädchen in mir ungeduldig an meinem Arm gezogen hat:

„Was ist denn?“

Es wollte so gerne mit mir Dies und Das und Jenes unternehmen. Spaß haben, lachen, hüpfen,…

„Ich kann jetzt nicht.“

Mir tat es leid, dass ich nicht „mitmachen“ konnte. Ich wollte sie nicht enttäuschen, das hat mich zusätzlich traurig gemacht – dabei war das gar nicht nötig.
Sie hat einfach gelacht und geantwortet: „Achso. Dann halt später!“ und hat sich neben mich gesetzt.

Nanu? So simpel soll es sein? Ja. Ja, das ist es.

Schritt für Schritt…

Mit jedem Schritt, den ich in den vergangenen Tagen gegangen bin, hat sich auch meine Stimmung gewandelt. Schritt für Schritt. Mal mehr, mal weniger. Mal vorwärts, mal zurück. Meist jedoch aufwärts und heller. Und mit jedem Schritt fühlt sich der holperige Boden wieder fester an. Vielleicht wird er tatsächlich stabiler – vielleicht werden aber auch nur meine eigenen Schritte sicherer auf dem weiterhin wackligen Untergrund…?

Die Unternehmungen, die ich mache, genieße ich sehr. Es tut mir natürlich ein wenig leid um jede Verabredung, die ich absagen musste… Das Schöne ist ja aber, dass ich mich auf Einzelnes viel besser konzentrieren und einlassen kann, wenn nicht das Nächste bereits auf mich wartet. Dennoch ist das nach-außen-Gehen für mich anstrengend und anschließend brauche ich Erholung.

Gemütlich im Sessel mit Laptop auf den Knien und Tee auf dem Tisch genieße ich das Erholen… Und erinnere mich an die letzte Unternehmung, lasse in Ruhe den Tag Revue passieren. Lache über das, was dort Lustiges passiert ist. Grüble über Gedankenanstöße, die mir dort begegnet sind. Es fühlt sich an wie ein Schatzsammeln. Was war da alles los? Mit wem habe ich worüber gesprochen? Da waren so viele Menschen, die ich nicht mehr in meinem Alltag habe. Es gab daher auch viele Gespräche, die ich gerne geführt hätte, aber die in der Zeit nicht möglich waren…

Es tut gut, dieses Nachspüren!
…das hätte ich verpasst, wenn ich heute tatsächlich den ursprünglich geplanten Termin wahrgenommen hätte!

Was ich auch verpasst hätte? Dieses warme Leuchten, das sich in mir ausbreitet bei diesem Innehalten. Herzenswärme…

Es tut also gut, stehen zu bleiben und abzuwarten, bis man bereit ist. Und dann kann man auch aus eigener Kraft…

…weitergehen!

Bei Trauer geht es manchmal nur Schritt für Schritt weiter
Quelle: Pixabay

 

Chapeau!

Chapeau!

Heute… Heute mache ich mal etwas ganz Seltsames: ich ziehe den Hut vor mir…

Chapeau, meine Liebe! Du bist einfach toll ♥

Huch? Wer mich kennt, weiß, dass das so gar nicht meine Art ist… Ich bin aufgewachsen mit dem Glaubenssatz „Eigenlob stinkt“ und dem quasi omnipräsenten „ach, naja, sooo toll war das jetzt auch nicht.“

Woher kommt also dieser „Ausbruch“?
Ich habe gestern mein E-Mail-Postfach aufgeräumt und wollte „nur mal ganz kurz“ noch nach einer E-Mail-Adresse schauen… Schwupps… Mit dem Hauch einer Sekunde saß ich in der Vergangenheit…

Dieser Ordner mit den E-Mails, die ich geschrieben und erhalten habe, als die Diagnose kam und in den 5 1/2 Wochen danach… als ich verzweifelt war… Ich habe sogar geschrieben, was für eine Scheiß-Angst (sorry, aber dafür gibt es einfach kein „korrektes“ Wort, das diese Wucht ausdrückt) ich habe angesichts der übermächtigen Verantwortung, die da auf mich zu rollte…

In mir tobt und tost es, während ich versuche, diese Zeilen zu formulieren… Es ist kein Schmerz im Jetzt, es ist der Schmerz, den ich damals fühlte… Ich erinnere mich…

Wenn ich könnte – ich würde zurückreisen zu dieser Zeit… Ich würde mich neben mich setzen und mich in den Arm nehmen. Mich selbst festhalten und mit mir aushalten, was da alles auf mich einstürzt…

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Quelle: Pixabay

Das war alles einfach übermenschlich groß und eigentlich nicht aushaltbar.
Ist es vielleicht sogar so passiert? Habe ich als Zukunfts-Anja neben der leidenden und zitternden Anja-2014 gesessen und ihr beigestanden? Wie sonst hätte ich das alles überleben können?!?

Denn… Ich bin da mitten durch. Ich habe mich von meiner Angst nicht einschüchtern lassen… Ich habe mir in der Situation bereits selbst geholfen, indem ich meine Sorgen aufgeschrieben habe…
Spannend finde ich, dass ich mich an das Meiste davon gar nicht mehr erinnern kann…
Ich habe in einer Klarheit kommuniziert, die ein wenig schockierend und doch gerade dadurch so passend war… Und durch diese Klarheit habe ich auch genau die Rückmeldung bekommen, die ich in dem Moment gebraucht habe. Wer schockiert war, hat halt nicht geantwortet – wer das aushalten konnte, hat mir zurückgeschrieben, was mir in der Situation gut tat.
Ich habe darum gebeten, dass man mir nur Ermutigendes schreibt. Mitleid und Schwere hätte ich partout nicht aushalten können – war doch mein ganzes Leben zu der Zeit schon leidig und schwer…

Die Nachrichten, die ich daraufhin erhielt, waren daher motivierend, mitfühlend und haben mich durch die Zeit getragen… Ich danke an dieser Stelle allen, die mir mit ihren Nachrichten in dieser Zeit zur Seite gestanden haben.

Ich habe keinen Schimmer, ob ich mich bereits bedankt habe. Wo sich die Gelegenheit bot, habe ich es sicher getan (bin ja schließlich wohlerzogen ;0)… Dennoch ist es mir wichtig, diesen Dank noch einmal explizit auszudrücken – er kommt aus tiefstem Herzen:

…einfach: DANKE!!!

Was mir auch am Herzen liegt: ich möchte mir selbst danken!!! Ich bin beeindruckt und gerührt, was ich da alles gestemmt habe. Das habe ich unfassbar toll geschafft!

Ich habe in dieser unermesslich niederschmetternden Zeit in meinem Leben gut für mich gesorgt. Das was sooo groß!

Steige ich so richtig tief ein in diese schmerzhafte Phase… Wie unglaublich und unfassbar ist es bitte, dass ich heute lachend und hüpfend durchs Leben gehe? Wie ist das möglich?

„There is within each of us a potential for goodness beyond our imaginings.“

(Elisabeth Kübler-Ross)

In mir liegt eine fast magische Kraft, die ich heute feiern möchte. Mit dir gemeinsam am liebsten – machst du mit? Auch du hast diese Kraft in dir – sie steht dir zur Verfügung, wenn du sie brauchst. Es braucht Vertrauen… Oder eben einfach pure Verzweiflung, die das Nachdenken ausschaltet und dieses Urvertrauen zulassen kann…

Hüpfen, tanzen, lachen,… Nie hätte ich gedacht, dass solche Leichtigkeit zurückkehren kann. Dass ich Glück verspüren kann in unterschiedlichsten Abstufungen und Intensitäten. Dass ich auch die dunklen Tage und Wochen durchschreiten kann, weil ich weiß, dass das Licht am Ende dieser Zeit auf mich wartet und mich wieder strahlen lässt…

Ich bin so dermaßen froh und dankbar, dass ich es tatsächlich geschafft habe, diesen Kraftakt zu stemmen – ich war ja aber auch zu keiner Zeit wirklich einsam: Neben so vielen wichtigen Herzens- und Wegbegleitern:

…ich war stets an meiner Seite… ♥

 

 

Wenn zählen nicht hilft…

Wenn zählen nicht hilft…

Maaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaannnnnnn!!! Grrr… Ich bin so wütend… Ich könnt’…

…ja, was denn?!?

Eigentlich wollte ich heute von meiner Wut schreiben – da gibt’s so Tage, da könnt‘ ich boxen… Brüllen… Mit dem Fuß aufstampfen… Heute ist so einer…

Tja, und dann habe ich ein passendes Foto zu diesem Beitrag gesucht… Und bei den Suchergebnissen hab ich erst die Stirn gerunzelt… Dann zuckte ein Mundwinkel… Und schließlich saß ich hier und habe schallend gelacht. Ich finde, dass Menschen unfassbar witzig aussehen, wenn sie wütend sind :)

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Quelle: Pixabay

Es gibt aber auch Zeiten, da ist so ein Wutgefühl nicht so schnell verschwunden. Ich weiß gar nicht so genau, ob die Wut erst so richtig präsent in Verbindung mit meiner Trauer wurde?! Spüre ich sie so stark, weil irgendwie alle Gefühle so potenziert auftreten?!? Oder macht Trauer einfach ab und an irre wütend?

Wie auch immer – ich habe so meine Probleme mit ihr… dieser Wut… Die passt nämlich nicht zu alten Glaubenssätzen, die ich gut verinnerlicht habe: so ein „sei hübsch brav“ oder „benimm dich!“… Da kann man nicht einfach so herumbrüllen, oder?!?

DOCH!

Ich kann das aber nur zu Hause am Meer oder im Wald – wenn keiner guckt… Manchmal würde ich mich gerne freier fühlen und meine Wut einfach raus lassen.
Jedenfalls merke ich, dass es mir so ohne Gebrüll nicht gut geht… Da brodelt es richtig in mir. Wut kocht… Und irgendwann fliegt der Deckel hoch. Und das meist in völlig unangemessenem Rahmen.

Ich kenne Trauernde, die lassen so richtig die Sau raus. Wenn nämlich die Wut so irre groß ist, dass man es nicht mehr aushalten kann – dann muss ein Ventil her. Denn sonst könnte sich die Wut gegen einen selbst richten… Ja, und wie alle unterdrückten Gefühle auch irgendwann krank machen.

Austoben…

Hilfreich ist es, wenn man dann eine Möglichkeit findet, wo man sich austoben kann ohne anderen zu schaden… Zum Beispiel:

  • Kissen boxen: einfach mal völlig hemmungslos das Kopf- oder Sofakissen vermöbeln. *zack* druff… Boxen, hineinbrüllen, an die Wand werfen… Da kann man herrlich Energie ablassen – und niemand kommt zu Schaden
  • Gartenschlauch: als Steigerung kann man auch ein Schlauchstück nehmen – die Tätigkeit bleibt die selbe: Draufhauen!
  • Crash-Room: die gibt’s in immer mehr Großstädten… Hier kann man sich einen möblierten Raum mieten und den nach Herzenslust mit Baseball-Schläger oder einem Hammer zerlegen.
  • Rasenmähen in erhöhtem Tempo: einfach super! Das Adrenalin wird abgebaut und hinterher ist auch noch der Garten schön ;0)
  • Joggen gehen, Kick-Boxen, Inlinerfahren,… Körperliche Aktivität baut Adrenalin ab – geh‘ raus und tob‘ dich dort aus!

Eine Übung hat meine Trauerbegleiterin mit mir gemacht. Kennst du noch von früher aus der Kindheit die nein-doch-Diskussionen? So ähnlich funktioniert das auch:

Man steht sich zu zweit gegenüber, hält sich an beiden Händen, schaut sich in die Augen… Einer von beiden beginnt mit einem lauten, wütenden „NEIN!!!“, der andere brüllt zurück „DOCH!!!“ oder „JA!!!“ so energisch und laut wie es geht… Das dann fröhlich abwechseln, immer hin und her…
Ogottogott, war das peinlich… Und meine Nachbarn haben sehr sicher gedacht, ich bin total bekloppt… Aber irgendwie war es auch befreiend – und letztlich sogar lustig *lach*

Tja, und was ich gerade merke: darüber schreiben hilft mir… Je länger ich hier tippe, umso friedfertiger werde ich.

Also: finde deinen Ausdrucksweg, um deine Wut rauszulassen. Sie darf da sein, sie darf explodieren… Und dann darf sie auch wieder gehen… still und friedlich…

…oder mit einem enormen Türenknallen!

Hingehört…

Hingehört…

Da das „blaue Datensammelmonster“ ja nicht allen geheuer ist und ich trotzdem gerne ein paar Tipps teilen möchte, die ich hilfreich oder tröstlich oder einfach wohltuend finde: eine neue Kategorie „Tröstliches“

Manchmal kann man gar nicht mehr aus den Augen schauen, weil man so viel geweint hat… Oder die Konzentration tendiert irgendwo bei null herum und es geht einfach nicht mehr viel… Kein Sprechen, kein Lesen,… Grübeln ist auch irgendwie doof… Aber wenn nun jemand da wäre, der ein wenig Musik spielt oder ab und an etwas erzählt – das wäre doch ganz schön, oder?

Trauer-Radio

Ich finde es total klasse, dass es einen eigenen Sender zum Thema Trauer gibt… Eva Terhorst hat hier die Initiative ergriffen und im Herbst 2017 das Radioprogramm gestartet.

Trauer-Radio
http://laut.fm/trauer-radio1

 

Seitdem wächst das Programmangebot und wird bunter und bunter…

Hören kann man Trauer-Radio entweder mit Klick auf das Logo als Live-Stream oder mit der Laut.fm-App auf Android- oder Apfel-Geräten.

In meinem letzten Blogbeitrag „Ich trau mich nicht“ habe ich unter Anderem auf Bodo Wartke verwiesen… Ich finde seine Musik und Performance großartig und liebe seine Texte. Kennt man seine Live-Auftritte, bekommt man sehr schnell eine Idee, was für ein Perfektionist Bodo sein muss. Seine Auftritte „sitzen“ von Anfang bis Ende und was auf der Bühne wirkt wie mal eben spontan dahergetextet, muss in Wahrheit en detail auswendig gelernt sein. Wie herrlich finde ich dagegen seine Interviews, wo dieses Auswendiglernen einer wunderbaren Spontaneität weicht…
Ein solches Interview läuft auch auf Trauer-Radio.

  • Bestatter David Roth hat in der Serie „Talk about Tod“ ein Interview mit Bodo geführt. Diese Serie ist gleichzeitig mein Lieblingsprogrammpunkt, muss ich zugeben. Mittlerweile laufen schon 6 kurzweilige Gespräche zu Tod, Sterben und Bestattung…

Und was kann man da noch so hören…?

  • Eva Terhorst ist natürlich mit dabei. Von ihr hörst du bei „Sag mal, was hilft, wenn es weh tut“ Interviews mit spannenden Persönlichkeiten, die hilfreiche Tipps mitbringen

 

  • Zusätzlich liest Eva Terhorst ihre „Traumreisen„, die du vielleicht schon aus einem ihrer Bücher kennst

 

 

  • Barbara Biegel wagt es, im Radio Kreatives vorzustellen – hm, Kreatives hören und nicht machen? Geht das? Hör doch mal rein in „die Wundertüte„.

 

 

Um diese festen Programmpunkte herum wird Musik gespielt – mir gefällt’s ♥

Nun bin ich sehr neugierig: Kennst du das Radioprogramm schon? Bist du Dauerhörer oder findest du es unpassend und lenkst dich lieber mit Musik und Blabla ab? Ich für meinen Teil habe eine gute Mischung für mich gefunden – bin also ein klarer „ab-und-zu“-Hörer ;0)

Im Programm ist ja noch ganz viel Raum für Neues: Was möchtest DU hören? Was fehlt dir? Was würde dir gut tun?

Ich hätte große Lust, auch mitzumischen… Ich im Radio… Wow, das wäre toll!

Soll ich?

Hmmmmm….

…ich trau mich (noch) nicht ;0)