Tut mir leid – Sie haben kein Problem…

Tut mir leid – Sie haben kein Problem…

Ich habe lange mit diesem „Zustand Trauer“ gerungen… Gerade am Anfang.
Ist das normal? Ist DAS normal? Ist das NORMAL? IST das normal? IST DAS NORMAL??? Kann ich wirklich okay sein, so kaputt, wie ich mich fühle???

Meine liebe Trauerbegleiterin Gisela hatte ihre liebe Mühe damit, mir zu vermitteln, dass ich okay bin, wie ich bin…
Sie hatte nämlich nicht nur mich mit meinen Fragezeichen und Selbstzweifeln vor sich, sondern hinter mir noch meinen Hausarzt und seine Meinung.

Mein damaliger Hausarzt  ist meiner Meinung nach ein sehr wertvoller Arzt – Schulmedizin, Naturheilverfahren und TCM in einer Person: toll!
Du hast sicher das „damaliger“ wahrgenommen: ja, ich habe mich von diesem Hausarzt getrennt. Es hat eine Weile gedauert, aber schließlich habe ich den Schritt gewagt und den behandelnden Arzt gewechselt.

Er hat nämlich in meinen Augen keine Ahnung von Trauer.

Nach Andreas‘ Tod war ich arbeitsunfähig. Ich war kaputt – physisch und psychisch. Mein Arbeitgeber war sehr verständnisvoll und hat mir alle Zeit zugestanden, die ich brauchte (Danke ♥). Um mir diese Zeit einzuräumen, hat mein Hausarzt mich krankgeschrieben… Aber schon so nach ca. 4 Wochen wurde er langsam unruhig. „Da müssen wir ja mal schauen, ob das so weitergehen kann.“
Nach 6-7 Wochen war seine Geduld am Ende: „Ich möchte Ihnen sehr empfehlen, eine Therapie zu machen.“

Tja, was macht man dann als Trauernder ohne Erfahrung? Eh schon wackelig im Gemüt, kippt man um: Der weise Doktor hat sicher Recht… Da kann mit mir was nicht stimmen… Da muss ich wohl zur Therapie…

Glück im Unglück

Manchmal ist das, was ansonsten hinderlich ist, auf einmal gut: so einen Therapieplatz bekommt man ja in der Regel nicht problemlos sofort, sondern hat teilweise enorme Wartezeiten.

In dieser Wartezeit hatte ich Ruhe vor meinem Arzt – er war ja beruhigt, dass ich etwas tue und dafür sorge, dass ich wieder „repariert“ werde. Ich hatte Zeit für lange Spaziergänge, viel Ruhepausen, Zeit zum „Sein“.

Oh, welch‘ Wohltat war dann mein Erstgespräch mit einer Psychotherapeutin. Ich könnte sie heute noch knutschen für ihre heilsamen Worte. Sie hat mir sehr lange zugehört – sich meine ganze Geschichte angehört und alle Tränen ausgehalten. Dann bekam ich ein Taschentuch und sie hat mir diese wunderbare Frage gestellt:

„Was würde Ihnen denn gut tun?“

Bitte was?!?

Ja! Ich hatte richtig gehört: Sie wollte einfach von mir hören, wie ich mir meinen Alltag vorstelle. Brauche ich Zeit? Möchte ich zurück ins Büro?

Was brauche ich?

Wie wunderbar, wenn man als Patient so gesehen wird. Wenn ich das jetzt so lese und mich zurückerinnere: eigentlich ist das doch die einzig richtige Frage, die man jemandem stellen kann, dem es nicht gut geht. Oder? Was braucht es, was brauche ich, damit ich mich wieder besser fühlen darf. Und wenn ich das alleine für mich nicht weiß, kann man das im Zwiegespräch gut herausfinden.

Gemeinsam haben wir dann auch meine Antwort auf diese Frage gefunden.
Wir haben einen Wiedereingliederungsplan erstellt, der zu mir passte. Tja, und mich gleichzeitig vom Druck meines Hausarztes befreit, indem sie ab da die Verordnungen übernommen hat.
„Ich finde Sie total okay so, wie Sie gerade unterwegs sind. Sie machen das toll.“ Einfache Aussagen, so leicht und gleichzeitig so wohltuend.
Als weitere wohltuende Geste hat sie mir noch den Tipp mitgegeben, dass ich doch mal schauen solle, ob eine Kur für mich gut wäre. Und mir gleich eine Empfehlung mitgegeben, um es mir leichter zu machen. Daran erinnerte ich mich dann, als die Zeit reif dafür war – und zur Kur war ich dann ja schlussendlich auch…

Ich vermute, dass Gisela, als ich ihr von diesem Besuch erzählte, sowas dachte wie: „Hab ich dir doch gleich gesagt.“Aber auch hier war sie ganz wunderbar und hat mich einfach darin bestätigt, dass sie sich für mich freut, dass ich nun diese Bestätigung noch einmal bekommen habe.

Diese Frage an mich selbst: „Was brauche ich?“ Die habe ich mir bewahrt. Führt sie mich doch am besten zu mir selbst zurück. Ein in-mich-Spüren, ein Herausfinden dessen, was mir gut tut. In jeder Lage einfach unbezahlbar.
Wenn ich einmal so völlig aus der Bahn bin und Probleme habe, für mich klar zu wissen, was mir gut tut, was ich brauche – dann versuche ich, die „Position“ zu wechseln: Was würde meine beste Freundin mir sagen? Was würde sie mir raten? Was würde sie tun, um mir die Situation zu erleichtern?
Meine beste Freundin (die gedachte) ist genauso wie Herzensmenschen im wirklichen Leben stets viel warmherziger und geduldiger mir gegenüber. Mit mir selber gehe ich immer sehr hart ins Gericht – vielleicht geht dir das auch so…
Aber wenn man schon den Tod eines geliebten Menschen ertragen muss, kann man sich doch zumindest selber eine Stütze sein…

Ich bin auf dem Weg, meiner Intuition zu folgen – das ist recht neu und ungewohnt für mich. Eine gehörige Portion Misstrauen begleitet mich stets. Ich beobachte das und bin gespannt, ob das je nachlassen wird 😉

Gerade kürzlich hatte ich wieder eine Situation, wo ich komplett verunsichert und der Meinung war, ich bräuchte Hilfe von extern. Nach einigem Austausch stellte auch hier die Gesprächspartnerin eine Frage in dem Sinne: „Vielleicht schauen Sie einmal, ob das Thema wirklich ein Problem ist? Ich finde empfinde das nicht so…“
Vielleicht bleibt es ja nun etwas dauerhafter präsent für mich – und dann kann ich irgendwann selber mit einem Augenzwinkern zu mir sagen:

„Tut mir leid – Sie haben kein Problem…“

2 Gedanken zu “Tut mir leid – Sie haben kein Problem…

  1. Hallo liebe Anja,
    per Zufall bin ich vor einiger Zeit auf Deinen Blog aufmerksam geworden und muss Dir nun erst einmal sagen: DANKE! Danke für die ganze Art, wie Du schreibst.. wie offen und „leicht“ Du Deinen Trauerprozess vermittelst (auch wenn er sich ganz und gar nicht so anfühlt). Ich erkenne mich so sehr darin wider, da mir dies auch immer wieder suggeriert wird.
    Und gerade dieser Beitrag von gestern bewegte mich nun mal direkt einen Kommentar zu schreiben.
    Es können einem in dieser schweren Zeit einfach wundervolle Menschen begegnen, die nur einen Satz irgendwie anders sagen und plötzlich verändert sich wieder etwas. Ich hatte das große Glück eine unfassbar herzensgute Hausärztin zu dieser Zeit gehabt zu haben. Anfänglich setzte mich jeder Termin bei ihr enorm unter Druck – eine Visite, in der ich mich rechtfertigen müsse, warum ich noch nicht „funktioniere“. Sie erkannte dies schnell und nahm mir jeglichen Druck. „Jeder trauert anders, Sie benötigen so viel Zeit, wie Sie eben brauchen“. Und genau so jemanden braucht man, wenn man in der Trauer steckt. An die Hand nehmen, begleiten, Angebote machen, aber nicht zerren und Druck aufbauen. So nahm ich jeden Tag an, wie er eben kam. War mir die Welt zu laut, blieb ich eben in meiner „Höhle“. Hatte ich den Impuls, in die Welt hinauszugehen, tat ich dies, ohne daran zu zweifeln. Es ist schwer, in solch einer Zeit nicht hart mit sich ins Gericht zu gehen – wie du es beschreibst. Doch so herausfordernd und kräftezehrend der Trauerweg auch ist – ich reife unheimlich daran!
    Mach weiter so! Du bist mir eine große Inspiration. 🙂
    Herzliche Grüße
    Bianka

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Bianka,
      oh, wow,… Als ich vorhin deinen Kommentar las, stand ich auf einem Adventsbasar, wo ich mit am Stand der „Kinder auf Schmetterlingsflügeln“ war… Du hast mich mit deinen Worten so gerührt, dass ich Tränen in den Augen hatte – da haben schon einige komisch geguckt…
      Aber daran, komische Blicke einfach auszuhalten und zurückzulächeln, habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt 😉
      Ich danke dir sehr für deinen Kommentar – zeigt er einen weiteren Weg, mit der Trauer umzugehen: deinen Weg. Ähnlich und doch anders… Ich freue mich total, dass du eine Ärztin hast, die dich gut auf diesem Weg begleitet, dir den Rücken stärkt.
      Dieser Trauerweg ist bei aller Härte und Schwere auch ein Lebensgeschenk – man kann es annehmen oder ignorieren. Bei dir lese ich, dass du es angenommen und in deinen Rucksack gepackt hast.
      Vielen, vielen Dank für deine Worte & alles Liebe auf deinem Weg!
      Herzliche Grüße
      Anja

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