Nähe zulassen…

Nähe zulassen…

Ich komme zurück von einem Samstagabend: Restaurantbesuch, Lachen, Reden, Quatsch machen,… Zuhause überrollen mich die Fragezeichen: wie kann es sein, dass ich dir nicht von meinem Abend erzählen kann, weil du tot bist?!
Letztendlich muss ich dir nichts erzählen, weil du sowieso immer in meinem Herzen dabei bist. Aber manchmal geht mir dieses „immer da aber nie hier“ mächtig auf die Nerven…

In diesen Momenten kommt sowas wie Wut in mir hoch, denn manchmal fühlt sich das an wie eine schwere Verantwortung: ich darf dich nicht vergessen…
…und dabei will ich das doch auch gar nicht. Aber echt: ab und zu wäre das Leben wirklich leichter als mit dieser Erinnerung!

Schwere Aufgabe

Vielleicht, ja vielleicht ist es gerade meine Aufgabe, mit dieser Schwere umso höher zu hüpfen?!

In mir tobt und braust nämlich momentan ganz viel herrlich übersprudelnde Lebensfreude… Ich verbringe viel Zeit mit Menschen, die mich bereichern und glücklich machen. Ich unternehme viel, bin viel unterwegs. Lerne neue Menschen kennen…

…ui, und diese Menschen wissen ja nicht, welche Geschichte ich mitbringe. In letzter Zeit habe ich daher auch wieder viel häufiger als sonst über Andreas‘ Tod erzählt. Und auch ab und zu vom leiblichen Vater meines Sohnes… Und wenn ich das so erzähle, fühlt sich das auf einmal tonnenschwer an: alter Schwede… Was ist dir denn da bitte alles passiert?! Und du stehst noch aufrecht?!

Ja, das tue ich. Und ich bin stolz darauf, merke ich.
Denn, dass ich mein Schicksal so verarbeitet habe, wie ich es getan habe, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit (auch, wenn es sich für mich total natürlich und selbstverständlich anfühlt)!

Es ist meine Entscheidung gewesen, meinen Weg so zu gehen. Manches Mal fühlte es sich an, als habe ich keine Wahl, als wäre da eine große, unbezwingbare Macht am Werk – aber dennoch habe ich nie die Option gewählt, aufzugeben. Das hat irre viel Kraft gekostet, ja. Aber quasi als Belohnung kommt diese Kraft zu mir zurück: doppelt und dreifach und berauschend.

Meine größte „Zauberkraft“ habe ich dabei auch entdeckt: Humor!

Meinen Humor habe ich geschenkt bekommen… Ich habe nie bewusst etwas dafür getan. Dennoch habe ich ihn nie als das gesehen, was er für mich ist: eine Ressource! Und was für eine!

Ich erinnere mich an die Ausbildung zur Trauerbegleiterin… Eine Übung war die „Ressourcendusche“. Mir sind einige meiner Ressourcen spontan eingefallen, dann stand ich aber auf dem Schlauch. Die Supervisorin hat mit Fragen unterstützt und auf einmal war es klar: „Humor“
Wenn ich den Clown zücke, kann ich Sorgen weglachen und Bedenken einfach wegwortwitzen. Das ist besser als jeder Zauberstab je hexen kann!

Dieser Humor hilft mir dann auch mit einer gewissen Leichtigkeit über Gesprächshürden zu hüpfen… Denn stell‘ dir bitte einmal vor, du lernst jemanden neu kennen und der ist neugierig, wie du lebst. Warum ist da kein Partner, kein Vater zum Kind? Lief es nicht gut?
„Was war los? …hast du ihn vergiftet?!“
…Schweigen meinerseits…
…Überlegen… Schreie ich?! Lache ich?! Stehe ich auf und gehe?!
…Wahrheit sagen: „Nein, aber er ist trotzdem tot.“

„…hast du ihn vergiftet?!?“

Ich gebe zu, man kann in so einer Situation panische Fluchtgefühle verspüren. Ich habe das ausgehalten und fasziniert beobachtet, wie meinem Gegenüber die Spucke wegblieb, nur fähig zu einer schnellen, verdatterten Entschuldigung…
…und schließlich haben wir beide gelacht über diese völlig abstruse Situation. Wie wohltuend, wenn anschließend dann auch die Türen geöffnet sind für weitere Fragen und es mir möglich ist, meine Geschichte zu erzählen……

Dennoch bleibe ich für viele diese „seltsame Frau, der zwei Männer weggestorben sind“. Das sind Menschen, die mit solch einer Informationen nicht umgehen können, bei denen ein „Schockmoment“ hängen bleibt. Ihre Überforderung lässt keine andere Facette meiner Persönlichkeit zum Tragen kommen… Wenn ich dann noch erzähle, dass ich mich sehr gerne intensiv mit Sterben, Tod und Trauer beschäftige… Ui, dann sieht man manchmal direkt ein „P wie Panik“ in den Augen des Gegenübers.

Nur: brauche ich Menschen in meinem Leben, die solche Informationen nicht aushalten können? Die mich nicht als „ganze Person“ betrachten können? NEIN!

Wie wunderbar, dass einzelne Menschen neugierig und eher entspannt mit meiner Geschichte umgehen. Und mit diesen Menschen beginnt dann ein für mich neues „Abenteuer“:

Wie nah darf mein Gegenüber kommen?

Damit meine ich nicht die körperliche Seite: mit Umarmungen bin ich durchaus großzügig ;0)

Was erzähle ich von mir? Wie sehr gehe ich ins Detail? Wie offen rede ich über meine Gefühle?
Wie offen bin ich für die Geschichte meines Gegenübers?
Wie sehr lasse ich mich „zähmen“?


»(…)Was bedeutet ›zähmen‹?«

»Das wird oft ganz vernachlässigt«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet ›sich vertraut miteinander machen‹.«

»Vertraut machen?«

»Natürlich«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich nur ein kleiner Junge, ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter Hundertausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt …«

(Gespräch zwischen dem kleinen Prinzen und dem Fuchs aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry)


Mache ich mich mit jemandem vertraut, mache ich mich ein ganzes Stück verletzlich. Gleichzeitig lasse ich zu, dass mir jemand wichtig wird und das kann Angst machen. Jemanden, der mir wichtig ist, den möchte ich nicht „noch mal“ verlieren….. Das ist keine rationale Angst, das ist mir klar. Aber diese Angst kommt zu Besuch.

Diese Besucherin ist wenig willkommen, denn sie ist unbequem. Mit unbequemen „Gästen“ habe ich ja aber mittlerweile Erfahrung und es gilt, sie anzunehmen. Lasse ich aufkommende Panik beiseite und setze mich in Ruhe neben meine Angst, schaue sie an und frage sie dann, was sie von mir erwartet – dann komme ich ins Gespräch mit einer sich sorgenden Freundin. Wem schon einmal jemand Nahestehendes weggestorben ist, der möchte gerne die Kontrolle behalten: so etwas Unkontrollierbares wie der Tod darf nicht noch einmal passieren – wie soll ich das aushalten können?!?
Aber:

Ich kann nicht alles kontrollieren, wenn ich leben möchte.

Das Leben hat seine Unwägbarkeiten, Risiken und auch immer ein wenig Drama im Repertoire. Die Sonnenseite mit Glück, Freundschaft, Liebe und bereichernden Erlebnissen ist jedoch so wundervoll – das will ich doch auf gar keinen Fall verpassen?!?!

Lasse ich mich also auf dieses Abenteuer des „sich vertraut Machens“ ein: ich gewinne wundervolle Lieblingsmenschen… Durch das Erzählen meiner Geschichte lasse ich Stück für Stück ein wenig von der Last von mir abfallen… Wer stark genug ist, mich so auszuhalten, wie ich bin – der bietet mir im Gegenzug eine starke Schulter, an der ich mich anlehnen und ausruhen kann…

Meine Schritte sind manchmal forsch und schnell, manchmal zögerlich und durchaus vorsichtig – aber ich freue mich über jeden einzelnen…

Wie schön, wenn ich mich zwischendurch anlehnen kann, um Kraft zu schöpfen:

Danke ♥

4 Gedanken zu “Nähe zulassen…

  1. Ich weiß sehr genau was du beschreibst. Danke für Deinen Beitrag. Gestern saß ich mit einer Freundin zusammen, die mich anschaute und sich laut wunderte, dass ich doch so viel Energie hätte und auch noch so „gut “ aussehe. Ja wie ich das denn bloß machen würde??? Damit vermittelte sie mir schon fast ein Gefühl von oje darf ich das denn? Ist das nicht viel zu früh? Muss ich nicht mehr sichtbar für andere leiden? In dem Moment fiel es mir tatsächlich schwer, meine Stärke als etwas gutes zu sehen und zu fühlen. In dem Moment hatte ich beinah ein schlechtes Gewissen. Aber das darf ich nicht zulassen. Ich weiß dass mein Mann es mir wünscht und er IMMER bei mir ist. Dass ich auch ganz viel sehr traurig bin, aber mich mit viel Kraft und Stärke immer wieder motiviere weiterzugehen. Und dafür bin ich dankbar.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Corinna,
      es gibt kein „zu früh“ oder „zu spät“, oder?
      Wunderbar, wenn du deine Kraft und Stärke immer wieder mobilisieren kannst, um weiterzugehen – lächelnd oder weinend… Egal, das bist du!
      Du scheinst deinen Ressourcen gut zu kennen und/oder schaffst es gut, Kraft zu tanken. Das ist toll!
      Herzlich,
      Anja

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  2. Anja, seitdem sich unsere Wege ‚virtuell‘ gekreuzt haben(und vielleicht ja auch mal real?🙂), bin ich schlichtweg immer wieder erstaunt über diese Zufälle. Wieder einmal sprichst du Gedanken aus, die mir zu gleichen Zeit stets durch den Kopf wandern. Ich sitze hier, lache, weine.. freue mich.. und bin mal wieder kurz überwältig, was da für Fäden gezogen wurden. Dass sich Trauernde irgendwie begegnen und die Gedanken und Gefühle so gleich sein können, obgleich da jeder ein individuelles Schicksal mit sich herumträgt.
    Genau so geht es mir seit rund drei Wochen auch wieder vermehrt – neue Kontakte aufgrund der Schwangerschaft. Man spricht darüber, die wievielte Schwangerschaft das ist. Wie alt das Kind/die Kinder sind.. und dann kommt immer wieder die kleine Zwickmühle. Letztlich durchbreche ich sie, denn meinen Sohn verleugne ich nicht(das ist meistens mein Gefühl, würde ich nicht ehrlich darüber reden). Aber es ist schon spannend, was das Thema Tod für vielseitige Reaktionen eröffnet..
    Und: Es tut gut zu lesen, dass du auch diesen ‚morbiden‘ Humor und das Interesse für die Thematik teilst. Ich dacht schon, ich werd bekloppt.🙈
    Herzliche Grüße, Bianka

    Gefällt 1 Person

    1. Hach, liebe Bianka,

      Zufälle… Da glaube ich schon lange nicht mehr dran *lach* Ich glaube eher an sowas wie Herzensverbundenheit… Und wir scheinen ja in gewisser Weise ähnlich bekloppt zu sein, daher beschäftigen uns ab und an auch die gleichen Themen…?

      Ich gebe zu, ich habe mit dem Gedanken gespielt, einfach einen Teil meiner Geschichte zu verschweigen. Den leichteren Weg gehen… Von dem Gedanken habe ich mich aber ganz schnell wieder verabschiedet: ich wäre dann nicht ich, wäre nicht bei mir. Und so „verbogen“ möchte ich niemanden kennenlernen.

      Wie anders und doch ähnlich du in deiner Situation unterwegs bist… Ich kann das gut mitfühlen…
      Ich wünsche dir, dass das Glück über das neue Leben überwiegt und dir viele schöne, wärmende Erinnerungen auf dem Weg helfen!

      Und: wäre schön, wenn wir zwei herzensverbundene Bekloppte uns einmal im „richtigen Leben“ treffen!

      Herzlich,
      Anja

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