Atmen und Aushalten…

Atmen und Aushalten…

Du liebe Güte… Heute – nein, gestern (es ist nach Mitternacht) hatte ich ein Flashback, sitze immer noch ein wenig neben mir… ist es wirklich fast 3 Jahre her…?

Eine liebe Kollegin hat Abschied gefeiert – in ihrer Abschiedsrede wurde viel erzählt… Warum ich dir das jetzt erzähle? Nun, es wurde auch eine Veranstaltung erwähnt, die mir sehr am Herzen lag. Ein Gedenksymposium für den Wegbegleiter, dessen 60. Geburtstag im August gewesen wäre… Ich war in die Vorbereitungen eingebunden, war am Morgen des Events ganz aufgeregt und mega-hektisch… Vielleicht kannst du nachvollziehen, wie wichtig mir diese Veranstaltung war – schließlich war mir dieser Wegbegleiter so wichtig… Dieses „in Memoriam“ sollte etwas ganz Besonderes werden – ihm zu Ehren…

Ich war bei dieser Veranstaltung nicht dabei…

Das war nämlich der Tag, an dem meine kleine Welt einen fetten Riss bekam…

Der 10.10.2014…

Dieser Tag ist in mein Gedächtnis gebrannt…

Als das Symposium begann, saß ich bei einem Oberarzt in der Notaufnahme der Uniklinik und habe versucht, zu verstehen, was der mir da sagt: „Wir haben da eine Raumforderung entdeckt.“ HÄ?!? Was?!? Für alle Unwissenden (wie ich zu der Zeit), das heißt auf nicht-Ärztisch: „Ihr Mann hat einen großen Tumor im Gehirn.“ Das hat er mir sehr umständlich näher erklärt… Die Ärzte wussten auch nicht so recht, wie sie damit umgehen sollten – Andreas musste jedenfalls unbedingt im Krankenhaus bleiben…

Ich war wie in Trance… Nachdem ich mich versichert hatte, dass Andreas erst mal gut aufgehoben ist und ich nichts weiter tun kann, habe ich mich auf den Weg nach Hause gemacht – da wartete ja mein Sohn… Im Flur der Klinik hat mich der Oberarzt noch einmal aufgehalten. Ich habe den kurzen Dialog heute noch im Ohr:

Oberarzt: „Haben Sie Kinder?“
Ich: „Äh…… ja, wieso?“
Oberarzt: „Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst!“

*Schwupps* weg war er – eilig den Gang weiter gelaufen… Du glaubst nicht, wie sehr ich diesen Menschen für seine unsensiblen Worte gehasst habe – du suchst gerade nach irgendeinem Halt, irgendeinem noch so winzigen Strohhalm, um nicht umzufallen… und da schubst dich so ein unsensibler Mensch mit seinen Worten einfach *zack* um.

Viel, viel später war ich diesem besagten Arzt sehr dankbar (das war aber erst so vor ungefähr einem Jahr, glaube ich – meine wütenden Gedanken tun mir mittlerweile ein wenig leid) – er war der einzige der behandelnden Ärzte, der wirklich klare Worte ausgesprochen hat. Niemand hat mir während der folgenden Krankenhausaufenthalte so klar vermittelt, dass Andreas sterben wird.
Seine Wortwahl ist mir dennoch weiterhin schleierhaft… Wieso ist es an der Stelle wichtig, ob es Kinder gibt? Was bitte ist „das Schlimmste“, auf das ich mich da gefasst machen soll?! Darüber könnte ich mich wohl seitenlang auslassen…
Nichtsdestotrotz hat er es auch mit diesen seltsamen Worten nahebringen können: „Es gibt hier kein Happy End!“

Zurück zu dieser Situation von gestern: ich saß in diesem Raum gemeinsam mit den Kollegen und fühlte mich richtig aus dieser Handlung hinaus katapultiert… Ich saß in diesem Raum (heute), war auf dem Flur des Krankenhauses (vor ca. 3 Jahren) und konnte gleichzeitig anhand der Rede heute meine Kollegin auf diesem Symposium eine Laudatio halten sehen (auch vor ca. 3 Jahren)… Bin ich verrückt? Ja, wohl irgendwie schon…

Wie gerne wäre ich bei dieser Veranstaltung gewesen… Hätte meine Kollegin reden hören… Hätte mit vielen Leuten in Erinnerungen geschwelgt… An diesen Weggefährten zurückgedacht… Gelacht und geweint…

Funktionieren

Stattdessen habe ich organisiert… Wer kümmert sich um meinen Sohn, um den ich mich nicht hätte ausreichend kümmern können… Wo sind eigentlich die-und-die Papiere, die das Krankenhaus braucht… Ach, super, meine Eltern sind da, nehmen den Sohn mit… Habe ich heute eigentlich schon was gegegessen?… Die geliehene Heckenschere muss zurückgebracht werden… Oh, nochmal schnell ins Krankenhaus… Machen, machen, machen, um diese betäubte Phase gut zu nutzen. Alles Wichtige erledigen, damit ich nicht umkippe – oder zumindest alles schaffe, bevor ich umkippe.

Ich bin nicht umgekippt…

Ich habe das alles geschafft. Diese Ausnahmesituation hat in mir Ausnahmekräfte geweckt. Yay, Superwomaaaaan… Es ist aber ohne Flachs wirklich so, dass man in solchen Situationen völlig unbekannte Kräfte mobilisieren kann. Das ist faszinierend.

Zurück gehüpft in die Gegenwart: Gestern hat mir eine während der Trauerzeit erlernte Fähigkeit geholfen: Atmen!
Das kann doch jeder?! Nein… In Schockzuständen und-oder unter großer Belastung hält man meist den Atem an…
Atmen und aushalten… Einfach ruhig weiteratmen und aushalten, dass es weh tut. Die Tränen in meinen Augen fielen gar nicht groß auf, denn die Rede war so berührend, dass viele welche in den Augen hatten – dass ich Tränen in den Augen hatte, weil der Erinnerungsschmerz so groß war, hat so niemand bemerken können ;0)

So habe ich gelernt, emotional schwierige Situationen durchzustehen: Atmen und Aushalten…

Ein…

Aus…

Ein…

Aus…

Ein…

…….Tschakka!

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Quelle: Pixabay

 

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