Ich würd‘ dich gern (nochmal) besuchen…

Ich würd‘ dich gern (nochmal) besuchen…

Wagst du’s?!? Oder wagst du’s nicht?!?

…wenn du das hier liest, habe ich es gewagt. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diesen Beitrag veröffentliche oder nicht.

Mein Beitrag Ich würd‘ dich gern besuchen… war eigentlich ungefähr doppelt so lang wie in seiner veröffentlichten Form – ich habe ihn um das, was ich nun schreibe, gekürzt, denn es fühlte sich zu dem Zeitpunkt nicht „rund“ an. Allerdings fehlt nun ein – wie ich finde – wichtiger Teil:

Es ist nicht alles Gold, was glänzt…

Ich denke, dass es viele da draußen gibt, die nach dem Tod eines geliebten Menschen auch mal die nicht so schönen Seiten erinnern… Warum wird darüber eigentlich so wenig gesprochen? Darf man das nicht? Wird man schräg angeschaut: „Sowas macht man doch nicht…?!?“ Man muss doch die „Totenruhe heiligen“…

Die Verstorbenen werden dadurch zu einer Art „Heiligen“, oder? Friede, Freude, Eierkuchen,… Der Tod ist schon unangenehm genug, da muss ich nicht noch mehr Unangenehmes hervor holen… Der Schmerz, dass jemand nicht mehr da ist, lässt irgendwie gar nicht den Gedanken zu, dass nicht alles rosarot war… Es passt nicht so recht zusammen, dass man jemanden vermisst, der Fehler hatte. Wenn er solche Fehler hatte, könnte man ja froh sein, dass man diese Last los ist…?

Aber genauso, wie ich meine Fehler und Unzulänglichkeiten habe, hatte sie doch jeder Verstorbene auch. Und gerade diese Unperfektheit macht einen Menschen liebenswert…? Ich finde es schade, wenn man diese Eigenheiten mit einem „das gehört sich nicht“ glattbügelt.

Es liegt mir fern, meinen verstorbenen Lieblingsmenschen schlecht zu machen – ich möchte aber aussprechen, was wichtig ist… Ich möchte nicht wie viele Angehörige in co-abhängiges Verhalten übergehen und die Sucht „schönreden“ oder ignorieren.

Andreas war spielsüchtig. Er hat Geld verspielt, das uns gemeinsam gehörte. Zack, nun ist es raus in die Welt…
Ich habe es nicht wahr haben wollen und musste doch zwangsläufig erkennen…

Was ich dir sagen würde…

„Ja, ich würde auch Tacheles mit dir reden wollen…

Als es dir immer schlechter ging und ich mich mit um deine Finanzen kümmern musste, da habe ich erkennen müssen, dass du mich oft angelogen hast… Dass du einen Teil unseres gemeinsamen Geldes verzockt hast. BAMM! Das war ein hammerharter Schlag für mich und ich war einfach fassungslos… Wie oft hatte ich nachgefragt, was wir mit der Rückzahlung vom Stromanbieter finanzieren wollen, was wir mit dem Geldgeschenk für uns beide machen wollen,… Irgendwie gab es da immer so ein „magisches Loch“, in dem das Geld zu versickern schien. Ich hab dir blind vertraut, habe auf unsere Vereinbarung gesetzt, dass wir immer ehrlich miteinander sein wollen…

Ich konnte das Thema vorerst ruhen lassen – wir hatten wahrlich größere Sorgen 😦

Ich erinnere mich aber daran, dass ich – du warst schon schwer krank – zu dir sagte: „Das hört sofort auf oder du fliegst hier raus!“ Deine Antwort „Ich habe ja schon aufgehört.“ hat im Nachhinein einen so bitteren Beigeschmack… Keine 4 Wochen später warst du tot.

Schuldig?!?

Oh, was habe ich mich später mit dieser irrationalen Schuld gequält… Hätte ich dir das nicht sagen dürfen? Bist du deswegen gestorben?!?

Es geht nicht um das blöde Geld, denn zumindest hast du es nicht so weit getrieben, dass unsere Existenz auf dem Spiel stand.
Vor allem geht es um mein Vertrauen, das du an der Stelle missbraucht hast. Ich würde dir gerne einmal direkt sagen, wie weh du mir damit getan hast. Ich war so wütend und verletzt…

Du hast gewusst, wie weh du mir tust. Du hast vermutlich ein elendiglich schlechtes Gewissen gehabt und hast dich schlecht gefühlt, weil du diese Schwäche hattest und die Sucht nicht alleine besiegen konntest.

Ich wünschte, du hättest es mir gesagt. Wir wollten doch immer offen und ehrlich miteinander sein – weißt du noch?
Wie gerne würde ich darüber noch einmal mit dir reden… Denn trotz aller Enttäuschung: ich glaube, ich kann dich verstehen.* Kann nachvollziehen, warum du so gehandelt hast… Und wie gerne würde ich dir in die Augen sehen und dir sagen, dass ich dir verzeihe… ♥“

Trauer hat auch ihre ganz dunklen Seiten

Da gibt es durchaus auch mal Wut auf den Verstorbenen, die nicht mehr geäußert werden kann.
Ich denke, ich bin nicht die einzige Trauernde, die so eine Wut mit sich schleppen musste… Sprecht es aus, redet darüber! Schreibt darüber! Es ist okay, dem Verstorbenen auch Wut und Enttäuschung zuzumuten, finde ich. Nur so kann die Erinnerung wieder hell und schön werden.

Und für das Hier und Jetzt: Offenheit und Ehrlichkeit sind essentiell für ein positives Miteinander…
…eine Herzensbitte an alle Süchtigen und deren Angehörige: Sprecht die Sucht an! Sprecht offen über eure Probleme! Und vor allem: lasst euch helfen! Ihr seid nicht alleine…

* Kai und Gisela Sender habe ein (wie ich finde) sehr mutiges Buch geschrieben, das mir Vieles erhellt hat… Ihren „Suchtbericht„. Beide kommen in diesem Buch zu Wort und erzählen, wie sie die Krise bewältigt haben, in die sie Kais Glücksspielsucht gestürzt hat.
Hier findet ihr Kai Senders Blog, auf dem er sehr offen über Sucht schreibt: http://www.suchtbericht.de/

5 Gedanken zu “Ich würd‘ dich gern (nochmal) besuchen…

  1. Der Blog ist wundervoll geschrieben. Das Thema ist so toll und so ehrlich. Auch wenn ich nichts mit der Spielsucht zu tun habe, hat mich der Beitrag sehr berührt. Ich denke es geht vielen Menschen so, die ihre Hinterbliebenen vielleicht erst dann erkennen oder so wie ich im Leben mit ihnen gebrochen haben und doch noch so viel zu sagen haben. Ich danke dir, für deine Worte.

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    1. Liebe Heike,
      ich danke dir für deinen Kommentar – es ist schön, dass meine Wort ankommen, dich gar berühren…
      Wie du schreibst: es muss ja nicht Spielsucht sein… nicht mal irgendeine andere Art von Sucht… Es gibt ja andere Konflikte zwischen Menschen, die ungelöst im Raum stehen bleiben – oder auch Erkenntnisse, die man erst nach dem Tod eines geliebten Menschen gewinnt…
      Vielleicht findest du für dich noch einen guten Weg, um die nicht gesagten Worte loszuwerden? Im Sinne von „im Leben mutig sein“? Ich drücke dir die Daumen dafür!
      Herzliche Grüße,
      Anja

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  2. Doch. Muss man. Denn ein Mensch ist nicht 24h eitel Sonnenschein.
    Und wenn jemand im Leben ein Ar*** war, ändert sich das im Tod nicht. Und das darf man auch sagen.
    Unser Problem ist, dass wir den Toten auf eine Art Thron stellen, aus ihm etwas Heiliges machen, über das man in keinem Fall was schlimmes sagen darf. Finde ich fürchterlich.

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    1. Liebe Susi(?),

      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Hmmm… Ich bin bei dir, wenn es um das „das darf man auch sagen“ geht – das Aussprechen von Wahrheiten finde ich essentiell wichtig.
      Ich finde es aber auch wichtig, dass ein Mensch (weder im Leben noch danach) nicht genau 1 Sache ist (z. B. ein Ar***)… Menschen sind doch alle sehr vielschichtig, auch die, die uns nicht so sehr liegen ;0)
      Es gibt da sicherlich auch krasse Beispiele menschlicher Abgründe, wo man nicht mehr die guten Seiten suchen muss, weil die bösen so schlimm sind – ich weiß nicht, ob du das beim Schreiben deiner Zeilen im Kopf hattest?

      Idealerweise wählt man bereits im Leben offene Worte und spricht auch unangenehme Dinge an, oder?
      Und wenn man das im Leben tut, kann man auch im Tod damit fortfahren – schön, wenn man einfach offen sprechen kann… Mit allen Facetten…

      Herzliche Grüße
      Anja

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      1. Natürlich sollten offene Worte zu Lebzeiten die Probleme lösen.
        Ich finde es aber generell fürchterlich, dass man im Tod „nur nix negatives“ sagen soll, weil sich das nicht „gehört“.
        Einen beyseren Menschen, oder in dem Fall Toten, macht dieses Lobgehudele dann auch nicht mehr aus dem Verstorbenen.

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