Liebe oder nicht…?

Liebe oder nicht…?

Heute sitze ich im Garten… Schreibend… Das hatte ich mir irgendwie idyllischer vorgestellt: so im Liegestuhl im Schatten, Käffchen auf dem Beistelltisch, Temperatur von beidem genau richtig… Stattdessen sitze ich eingekuschelt im Strandkorb, es nieselt und es ist ganz schön kühl… Brrr… Und den Kaffee habe ich vergessen…
Aber irgendwie ist es auch ganz schön – und passend.

Schön wäre auch, wenn das ein Hör-Posting sein könnte. Das Konzert der Schrebergartenvögel klingt einfach wundervoll. Denen ist es egal, dass die Sonne nicht da ist.
Die Kategorie Schluckspechte und Grölinge sind aufgrund der Temperaturen zu Hause geblieben oder in ihren Lauben versteckt… Herrlich!
Niemand läuft am Gartenzaun vorbei, um zu lamentieren „Jaja… das Unkraut wächst immer viel schneller als alles andere!“ oder „Oh, den Strauch müssen Sie aber unbedingt zurückschneiden, der wächst sonst nicht richtig.“ oder „Oh, Sie haben aber viel Giersch – den wird man nie wieder los!“… Mein Kleingarten ist halt nicht so ganz konform zum Kleingartengesetz…

Aber: So liebe ich meinen Garten… Und gleichzeitig weiß ich nicht so recht, ob ich ihn genug liebe, dass ich ihn weiter behalten mag…
Ist es Zeit für einen Abschied?
Dieser Strandkorb, in dem ich gerade sitze… Den haben wir (vor …hm, wie vielen Jahren? Ganz schön lange her…) geschenkt bekommen, mit großem Aufwand zum Garten transportiert und mit Müh‘ und Not in unsere Parzelle gewuchtet… Nun steht er zwar noch immer hier, fällt aber ziemlich sicher bald auseinander. Überall blättert das Holz ab, das Geflecht auch, der Stoff ist schäbig und ein wenig spakig… Dennoch ist es gemütlich – und vielleicht gerade mit der verknüpften Erinnerung ein schönes Relikt.
Im letzten Jahr habe ich sogar eine kleine Fläche gepflastert, damit er wenigstens von unten gut hält…

Viele Stellen im Garten schauen mich an „reparier mich“ – ich weiß aber nicht, wie das geht. Oder ich habe einfach keine Lust, weil das vielleicht eine Stelle ist, die mir nicht wichtig ist. Und irgendwie mag ich es wohl auch, dass der Garten mich erinnert, dass hier viel gemeinsam entstanden und angelegt wurde. Einer fehlt… Warum sollte das „übergebügelt“ werden? Gleichzeitig nervt es mich total oft, dieses ständige „einer fehlt“. Ja, er ist weg – na und? Ich schaffe das auch alleine… Naja……. oder?
Auf dem Weg komme ich ins Trudeln, weil die Wühlmaus wieder nicht gerafft hat, dass ein von Menschen für ebendiese angelegter Weg nicht untergraben werden sollte, weil die darauf Laufenden dann unvermittelt wegrutschen… Argl… Erst fluche ich, dann lache ich…

Wenn ich diesen Weg Richtung Gartenpforte entlang schaue, sehe ich Andreas vor mir – wie er am Wochenende nach Feierabend in den Garten kommt. Typische Bewegungen, typische Begrüßungsworte… Dann macht es *ping* und ich bin wieder in der Gegenwart: niemand da außer mir…
Dieses „Ping“ kommt von einem Windspiel, das mir meine liebe Freundin gebastelt hat – so bezaubernd… Es klingt immer, als würde man mit Weingläsern anstoßen, um das Leben zu feiern.
Dass die Terrasse vor dem Gartenhaus mittlerweile ein wenig Hängemattenstyle annimmt – Andreas hätte das sehr gestört. Ich finde es gar nicht so schlimm. Ist ja im Garten ganz charmant, wenn es ein wenig von der Norm abweicht.
Ich habe einen Haselstrauch im Garten, der gigantische Ausmaße annimmt und ungefähr 5 Meter in den Himmel ragt… Schatten im Strandkorb am späten Nachmittag – geht ja gaaar nicht! Also habe ich in einer Hauruck-Aktion die meterlangen Ruten gekappt. Anschließend war ich nicht nur platt vom Schuften (konnte mich ja aber im Strandkorb in die Sonne setzen ;0), sondern auch ziemlich verdattert, welche Mengen an Gestrüpp angehäuft da lagen. Was tun? Wegschauen und liegen lassen? Ja, vielleicht… Aber… Moooment. Aus Haselruten kann man doch gut etwas bauen, oder?
Mit meiner Freundin habe ich nun das neue Projekt umgesetzt… Haselruten als Pflöcke in den Boden gerammt (geht total super mit biegsamem Material *augenverdreh*) und eine Rute nach der nächsten geflochten… Ui, und das Ergebnis finde ich einfach toll:

Rustikal und ein wenig wild – so mag ich es total gerne.
Links auf dem Bild kannst du etwas sehen, was Andreas gehasst hätte. Dieser weiße Vorhang im Baum… Hihi, es hat mir richtig Spaß gemacht, ihn aufzuhängen. Ich liebe ihn… „Vorhänge im Garten – wo gibt’s denn sowas? Dummtüch…“ Ich liebe es, wie er im Wind flattert und wie das Licht in ihm spielt… Tja, und vermutlich liebe ich es auch, dass ich ihn einfach aufhängen kann, ohne dass Andreas meckert ;0)
…er kann ja herkommen, wenn ihm was nicht passt.

Aber stattdessen höre ich eine Stimme in mir, in meinem Ohr, in meinem Herzen – wo auch immer: „Sei glücklich! Tu, was dich glücklich macht!“
Ja, das tue ich.
Tja, und so ist das auch ein Zeichen für mich: den Garten nach und nach verwandeln so wie es mir gefällt… Einfach mal weitermachen, solange es Spaß macht… Aus „unserem“ wird „mein“ Garten, in dem schöne Erinnerungen auch mal schmerzhaft aufkommen dürfen – es ist doch einfach schön, dass diese Erinnerungen entstehen durften…
So bleibt dieser Ort vorerst eine Liebe auf Zeit…
*Ping*
…auf das Leben ♥

4 Gedanken zu “Liebe oder nicht…?

  1. Liebe Anja, du sprichst mir aus der Seele.
    Mein Mann ist am 1.11. letzten Jahres nach 3 1/2 Jahren Kampf gegen den Krebs gestorben.
    Früher war unser Garten mein Garten, dann als mein Mann krank war und nicht mehr arbeitete, verbrachte er viel Zeit in „seinem“ Garten und das war für ihn auch sehr gut und hat sicher dazu beigetragen ihn im Leben zu halten. Aber weil wir ziemlich unterschiedliche Ansichten hatten was den Garten anging, habe ich mich total zurückgenommen.
    Jetzt habe ich wieder die Regie in „meinem“ Garten übernommen und genieße es zu schalten und zu walten wie ich es gut finde und es mir gefällt, auch wenn Ulli immer dabei ist und 1000 Erinnerungen, wunderschöne und auch traurige, hoch kommen.
    Unser Granatapfelbaum blüht in diesem Jahr wie verrückt und ganz herrlich nachdem ich ihn mal kräftig geschnitten habe.
    Alles was ich zurückschneide wird durch den Häcksler gejagt und in Kompostsilos aufgesetzt. Am vergangenen WE habe ich den Inhalt eines Silos im Garten verteilt ( ist schon wieder gefüllt), eine Kräuterspirale aufgestellt die ich gestern bepflanzen konnte. Auch wenn mir am Abend alle Muskeln und Gelenke weh tun, ich dreckig bin wie ein Hund, fühle ich mich seelisch gut.
    Wenn es warm gibt es morgens gemütlich Frühstück und am Abend Abendessen auf der Terrasse, die von Kiwis überrankt wird.
    Ja, ich vermisse meinen Mann oft aber ich genieße mit meinen 68 Jahren auch eine Freiheit, die ich bisher nicht kannte, wobei es meine Erziehung und nicht mein Mann war, die mich eingeschränkt hat.
    Ich lese sehr gerne in deinem Blog, deine zupackende Art und deine nach Vorne blickenden Gedanken geben mir viele gute Impulse.
    Liebe Grüße
    Hedi

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Hedi,

      wie schön, dass auch du Gartengedanken mit uns teilen magst. Lieben Dank für deine Zeilen, die mich sehr berühren…

      Dreieinhalb Jahre Kampf gegen den Krebs lassen mich einigermaßen sprachlos werden… Was muss euch das abverlangt haben…
      Herzerwärmend, wenn die Gartenarbeit irgendwie dazu beigetragen hat, das auszuhalten…

      In dir steckt so viel Liebe – die du auch in deinen Garten trägst. Das ist wunderbar und wird dich auch durch die schweren Momente tragen, da bin ich sicher.

      Kiwis und Granatapfelblüten lassen schöne Bilder im Kopf entstehen – danke dafür!

      Herzliche Grüße
      Anja

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  2. Danke, liebe Anja, für den wunderbaren Gartentag. Ich war mit dir dort. Zumindest der Teil von mir, der schon ein bisschen an Erholung denken mag (und kann). Ich mag vor allem das Bild: Den Vorhang, strahlend weiß im satten Grün. Ein wenig Himmel irgendwie. Und ich mag die lustigen Worte: „spakig“ und „Dummtüch“. Ich kenne sie nicht, aber ich verstehe sie sofort. Ich werde sie in meinen Wortschatz (SCHATZ!) aufnehmen.

    Am meisten aber mag ich das Pingding. Ich brauche so etwas auch. Ein neues Projekt für die kommenden Tage 😉 Fühl dich gedrückt!

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    1. Wie schön, dass du dabei warst, liebe Sarah!
      Witzig, dass du nun auch deinen WortSCHATZ erweitern konntest – und herzlichen Dank für den „Schatz“-Hinweis, das ist mir bisher noch nicht aufgefallen… Voll herzig!
      Martine hat eine Bastelanleitung für das Pingding (hihi – ein weiterer Schatz!) angekündigt.
      …wenn das auch noch die Wildschweine vertreibt, kommen wir damit ganz groß raus ;0)

      Gerade heute habe ich sehr an dich gedacht – ich war in Kiel und dort starteten zum Abschluss der Kieler Woche ganz viele Heißluftballons… Da fühlte ich mich an die Löffelliste erinnert!

      Fühl ich zurückgedrückt und ganz lieb gegrüßt!

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